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Das Déjà-vu des Mat...
 

Das Déjà-vu des Mathematikers  

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(@w-himmelbauer)
Mitglied Admin
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02/06/2006 9:38 pm  

Der Engerling maestet sich am morschen Holz der toten Baeume am Boden. Den Kindern der Bauern ist es ein Freudenfest, sie herauszuklauben und zusammen mit einem Haufen Holzspaenen in einem Bottich lebendig am Markt anzubieten. Wo vor fuenf Jahren Riesen standen, wuchs andere Vegetation nach. Der Dschungel veraendert sein Gesicht direkt vor der Haustuere. Dem Auge des studierenden Mathematikers in der Diaethuette entgeht nichts. Er blickt von seinen Formeln hoch, direkt in das Wedeln eines handtellergrossen, blauen Schmetterlings, der die Hitze auf der Lichtung geniesst. Die Voegel in den Hoehen der Wipfel halten in ihrem Geschnatter kaum inne, wenn sie den Blondschopf auf seinem selbstgezimmerten Stuhl da unten belugen. Nur das Augenlid des Loro Sanango, Meister der intendierten Maskerade eines Einfaltspinsels, schliesst sich einen Augenblick laenger, bevor er fortfaehrt, weitere Samen aufzuknacken. Der Friede der Unschuld schwebt ueber einem sonnigen Vormittag im einsamen Versteck. Die Zeiger der abgelegten Uhr drehen unbemerkte Ehrenrunden. Kann eine Pistolenkugel ein Atom zerstoeren? Die Seele des Diaetanten findet Frieden, trotz aller Gedankenlast. Die Verwundungen von Menschenzunge haben aufgehoert. Welche Verwicklungen existieren in den Schleifen des Universums, welche Ausbuchtungen? Uebersteht das Zahlengebaeude menschliche Katastrophen? Doch die Fragen des Mathematikers sind dem einfaeltigen Geist nicht einfach verstaendlich.
Was ist die ewige Wiederkehr des Gleichen? Ausdruck eines verfaelschten Blicks? Oktroyiertes Bewusstsein? Warum gibt mir der alte Hexer den Becher nochmal? Ich habe ihn doch bereits geleert!
Was tue ich in dieser Wildwasserschlucht, an dessen tonnenschweren Polstersteinen in der, ja ueberhaengenden, Wand das Gaestehaus klebt. Vor vielen Millionen Jahren muss sich dieses Urgestein geformt haben, Jahrmillionen spaeter wurden sie ausgewaschen. Diese Steine ueberstehen alles Kommen und Gehen, denkt der Mathematiker, sagt es mir nicht der Wind? So wie die Zahlen, die nicht meine sind.
Die Welt des Mathematikers, seine eigene. Sein Berufskollege, der Astrophysiker, trinkt Tee mit ihm, ab und zu. Gehegestreitigkeiten wollen sie nicht. "Ich habe die Weinflaschen weggeraeumt, Luchito". Ja, sie stehen gut in der Kueche, in dieser Nacht.
Und so pfeift der Wind ein unverdrossen kaltes Lied, treibt seine Pferde voran. Dem Mathematiker, in seiner minimalen Stube, wird alles zum Bild. Der Komet, die Sorge, das Kind.


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