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Das Flüstern der Nacht  

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(@Bristall)
Mitglied
Beigetreten: 8 Jahren zuvor
Beiträge: 20
29/09/2019 11:52 am  

Am Flughafen von Iquitos werde ich abgeholt. Wolfgang wartet da, ein vertrautes Bild mit seiner weissen Babywindel am Kopf, die er als Schutz vor der Sonne umgebunden hat, weisses Shirt, kurzer Hose und Lederstiefel, am Gürtel ein Handtuch. Wir fahren mit dem Motorcar zum Hafen und mit dem Schnellboot am Amazonas flussaufwärts nach Tamshiyacu. Jede Hütte und jeden Baum erkenne ich wieder, denn diese Reise mache ich jetzt zum 9. Mal. Ich freue mich, bald bin ich im Dschungel. Kurze Rast im Haus, dann Aufbruch in den Dschungel. In Begleitung gehe wir auf verschlungenen Wegen meinem Ziel entgegen, “Otorongo “. Dieses Mal ist es ein schwieriger Weg, mit Schmerzen verbunden, doch Dona Eugenia ist geduldig, der Wächter gibt mir Stöcke, und ein guter Bekannter unterstützt mich auch, so der Weg für mich leichter wird. Endlich lichtet sich der Regenwald. Ich gehe durch das Tor in eine andere magische Welt, angekommen bin ich überwältigt, meine Knie werden weich, Vögel Geschrei, Geschnatter, Gezirpe, Gesurre, nur Dschungel rund um mich, alles ist mir so vertraut. Im Zentrum der mächtige Tempel, er hat sich nicht verändert in all den Jahren und in Abständen auf kurzen Pfählen stehen Holzhäuser die Dächer mit Palmblättern gedeckt, es fühlt sich wie nach Hause kommen an. Ich spüre die Magie die hier überall allgegenwärtig ist, sie heisst mich willkommen und hüllt mich ein. Mein erster Gedanke, ich bin wieder hier, träum ich? das letzte Stück des Weges führt mich in meinen einfachen Bungalow, mich umzuziehen um in den Teich baden zu gehen. Die Schildkröten sitzen auf ihrem Strand und flüchten nicht vor mir. Ich bin angekommen. Tränen der Freude und Erleichterung lösen sich. Jetzt lebe ich also teilweise wieder hier und es kommt mir vor wie ein Traum, oder ist das zurückliegende Leben das Geträumte?  Bin ich ganz bei mir, ganz in meinem Leben, in meiner Bestimmung in meiner Sehnsucht? wonach? Aber genau das habe ich immer geträumt und auch gewollt. Ich lebe in einer einfachen Holzhütte, ohne Wasser, ohne Strom, mit allen Wesenheiten die auch hier spürbar und anwesend sind. Als ob ich mich in die Natur hinein schmiegen könnte, die mir all die Jahrzehnte meines Stadtlebens so sehr gefehlt hat. Ich geniesse die Nähe zur Natur, dabei wird mir auch bewusst ich habe Angst. Angst vor dem endgültigen Schritt, mein Leben in meinem Ort wo ich lebe zu beenden, alles aufzugeben, um mich hier in Peru neu zu entfalten, das nur von meiner Sehnsucht getragen wird. Einer Sehnsucht die ich aber leben möchte. Inzwischen ist es späte Nacht, ich liege im Bett in meiner Hütte, der Vollmond zeichnet Muster auf die Holzwände ich verliere mich darin, der Wind spielt mit dem Moskitonetz. Ich höre das nächtliche Zirpen der Grillen, den nächtlichen Ruf des Käuzchens, das Flüstern der Blätter, der Vollmond beleuchtet den nächtlichen Himmel, und hüllt diesen Ort in ein magisches Licht.  ich spüre nichts was draussen vor sich geht, obwohl der Regen unaufhörlich mit Wucht nieder prasselt. Ich hülle mich noch fester in meine Decke ein. Ich bin hier nicht auf Abenteuerurlaub, nicht auf Entdeckungsreise, und nicht auf einen kurzfristigen Urlaub. Ich bin hier um ein neues Leben anzufangen, mir darüber im Klaren zu werden ob ich das will. Ich bin mitten im Regenwald das ist Realität. Wenn ich könnte würde ich noch einmal ein paar Stationen meines Lebens zurück laufen, ich habe Angst vor mir selbst. Führt mich überhaupt ein Weg zurück? Ich fühle das ich zwischen zwei völlig verschiedenen Welten hin und her fliege, aber noch brauche ich beides. Erschöpft schlafe ich ein, gebe mich den Träumen hin.

Am nächsten Morgen nehme ich ein erfrischendes Bad im Teich, danach gibt es gutes Frühstück, Früchte und was sonst das Herz begehrt. Die Hängematte ist mein nächstes Ziel, vor meinen Augen der Teich und die wunderschöne riesige Agave. Die Sonne spiegelt sich im Wasser und ich schaukle in der Hängematte und lasse mein Leben Revue passieren. Ich habe zwei wunderbare Töchter, Schwiegersöhne, Enkelkinder, eine lange Ehe, das bedeutete ein grosses Stück meines Lebens mit meiner Familie gemeinsam gegangen zu sein. Was will ich mehr? Trotz alledem ist tief drinnen in mir eine Unruhe. Was ist es was sich hier zeigen will? Ich habe schon so viel verändert in meinem Leben, so viel losgelassen, ich habe mich von allem aus meiner Vergangenheit getrennt. Ich mag dieses Unruhe Gefühl nicht besonders. Heute bin ich in einem Alter wo man immerhin wissen sollte wo es langgeht, Tage wo man definitiv nicht mehr jung ist. Das letzte Lebensdrittel liegt vor mir, was kann ich jetzt noch bewirken. Wolfgang ermutigt und unterstützt mich tatkräftig, damit ich meinen Lebensabend hier verbringen kann. Man muss die eigenen Ängste, Zweifel, Gewohnheiten gehen lassen auch die Gedanken, um zu lernen im Jetzt zu leben. Das eigene Glück verdienen bedeutet nichts anderes, als das eigene Glück erkennen! Man muss loslassen können, nur dann ist das Herz und die Hände frei für etwas Neues. Die Madre ist bei mir, sie zeigt mir den Weg und wählt  auch den richtigen Zeitpunkt.

Juni 2019

Dorfweber (Ploceus cucullatus)

Dieses Thema wurde geändert 11 Monaten zuvor von W.Himmelbauer

Zitat
(@w-himmelbauer)
Mitglied Admin
Beigetreten: 16 Jahren zuvor
Beiträge: 330
12/03/2020 8:28 pm  

Ach, dieses Flüstern

Die Nächte, wie wohltuend sie auch in ihrer Stille (besonders im Wald) sein mögen, tragen doch bisweilen quälende Dichte in sich. Es ist die Dichte des schlechten Gewissens, des Ahnens, wie weit man im Rückstand ist gegenüber den eigenen Vorhaben, den eigenen Idealen. Es ist das Gewahrwerden körperlicher Schwäche, der Selbstschädigung, der Inkonsequenz, der Langsamkeit. Es ist eine Zeit des Haderns. Gut, daß wir alleine sind in diesem Moment. Deutliche Mattigkeit überfällt uns, eine Art Lähmung. Wir spüren, Antriebslosigkeit und Niedergeschlagenheit machen sich, warum auch immer, breit. Ja, warum auch immer? Doch wir wissen nur allzu genau, warum. Es gibt eine Vielzahl unbeglichener Rechnungen, doch die dräuendste Baustelle ist mein ewiges Vor mir selbst Fliehen. Ich mache immer noch nicht ernst. Immer noch verplempere ich meine Zeit. Es wäre eigentlich höchste Zeit, wieder in Diät zu gehen. Allein, was hindert micht? Was sträubt sich da in mir? Dieses Biest, das immer noch zettert: "Ich will von nichts wissen und nichts hören." Ich will meine Ruhe und sonst nichts. Ich brauche meine Ruhe. Sieht denn das keiner? Nur allzu berechtigt ist mein Wunsch. Ich stehe doch jeden Tag im Sturm der Anfeindung, im Sturm der Dummheit, die mich ankeift. Ich komme einfach nicht dazu, meine Ausgangsposition zu definieren. Ich komme, um es plakativ auszudrücken, einfach nicht dazu, einmal gehörig durchzuatmen. Die Störenfriede zwitschern um mich herum und flüstern mir allen Unsinn ein. Wann hat dies einmal ein Ende?

Da kommt uns ein Engel zu Hilfe. Ein Mensch, der nicht weiß, daß er uns in dieser Not gerade recht kommt. Er flößt uns mit seinem rechtschaffenen, einfachen Wort Mut und Stärke ein. "Ich muß mir einfach eine Auszeit gönnen. Anders komme ich nicht zurecht. Wie denn anders?" Sieh an, an diesem Wort könnte was Wahres sein! Auszeit, am besten gleich auch noch ohne Essen. Zumindest für den ersten Tag. Ein Tag ohne Zwang zur Rechtfertigung. Wann nur gerate ich in diesen heilvollen Zustand? Keine Rechtfertigung mehr! Kein Gedanke an Rechtfertigung, gegenüber nichts und niemandem. Das wäre mein Ideal. Fangen wir wieder einmal bei eigener Zerzaustheit an. Alle Arbeitspapiere sind mittlerweile zerrissen. Heute beginne ich ohne Konzept. Schauen wir mal, ob ich durchhalte. Heute mal gar nichts. Kein Essen, kein Surfen, vielleicht ein bißchen Schreiben. Und Schlafen. Damit sollte ich durchkommen. Mein Denken wird sowieso galoppieren, was soll`s? Irgendwann wird sich das Chaos legen. Auch das Chaos schleift sich aus, wenn nicht nachgefeuert wird. Also: Rückzug. Keine Nachrichten, kein Reden, gar nichts. Und kein Essen. Mal sehen, was sich dann in mir ändert. Vielleicht finde ich die ersehnte Ernsthaftigkeit. Vielleicht lassen die Schmerzen nach. Vor der ewigen Selbstgeißelung graut mir nur mehr. Von Frieden will ich nichts hören. Nicht von jenem Frieden, den sie alle in ihrem Maul herumführen wie einen Giftdorn. Ich suche nur ... Klarheit. Verstehen. Ehrlichkeit. Qualvoll genug. Darf ich mir die Hütte aussuchen? Das Wichtigste: Eine gute Matratze. Ist das zu wünschen erlaubt?

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