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Das Träumen in Twin Peaks  

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(@w-himmelbauer)
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Beigetreten: 16 Jahren zuvor
Beiträge: 322
02/06/2020 3:45 pm  

Das Träumen in Twin Peaks

Als sich David Lynch entschloß, sein Epos „Dune, der Wüstenplanet“ in Mexico zu drehen, geschah dies aus innerer Notwendigkeit, denn er befand sich damals in einer intensiven Phase ungekannter Schaffenskraft. Die brauchte er, um in den Kostümen und Bauten einen derartig aufwendigen Film anzugehen und auch fertigzustellen. Zugleich fühlte er sich hochgradig inspiriert von den Werken Castanedas und zugleich von der Kultur der verschiedenen mexikanischen Indigenen. Als er schließlich von der Kultur der Tolteken Kenntnis nahm, geschah eine natürliche, wenngleich unerwartete Wende in seinen Träumen. Es schien, als habe eine unbekannte antike Kraft sein Träumen aufgesogen und in fremden Welten wieder ausgespuckt. Diese Erfahrung blieb ihm Nährquelle für alle weiteren Filme, bis hinauf in 2018, als er die dritte Staffel von „Twin Peaks“ mit sage und schreibe 18 Folgen in Szene zu setzen vermochte. Das Werk David Lynchens ist von Traumgewässern, Flüssen und fremden Landschaften, ja fremden Welten durchzogen. Mein zweiter Heros unter den Regisseuren lebt in beinahe ständiger Magie. Deshalb gelingt es ihm, alle Schauspieler/-innen, die er passend findet, anzuziehen, zuvorderst Kyle McLaghlan, den Unerreichten. Und wie viele (ja, viele!) von ins hohe Alter gekommene Schauspieler sterben ihm direkt in seinen Armen, noch während des Drehens oder unmittelbar nach Drehschluß! Sie alle sagen sich, mit diesem Werk habe ich den würdigen Schlußpunkt hinter mein Leben gesetzt. Jetzt ist alles gesagt, alles gezeigt. Ich habe hier nichts mehr verloren, ich wandere hinüber, meine Seele befreit. Doch nicht alle seine Akteure sterben alt, so wie David Silva, der Verkörperer des Dämons in den ersten beiden Staffeln. Motive des Seelenübergangs spricht Lynch wiederholt direkt an und aus. Er befaßt sich, wie es scheint, ganz unvoreingenommen, also wie ein Kind, mit der Rolle Gottes und des abgrundtief Bösen („Jao Dé“). Er entwirft einen Heilsplan, in welchem Hilfsgeister verschiedener Qualität ohne Ankündigung auftreten, so wie das Böse, das sich im Inzest, Drogenhandel oder allgemeinem Sadismus übt. Eigenartig: Die Hilfsgeister wie die Dämonen sitzen an einem Tisch, leben in einer gemeinsamen Welt, wissen gemeinsam. Sie alle folgen ihrer physiognomisch wie motivisch zugedachten Absicht. Inmitten all dessen ein Naiver, ein von seiner Mission erfüllter FBI-Agent, special agent Dale Cooper. Und schon wieder Tote, nicht nur Laura Palmer, die High School-Schülerin, von der alles seinen Ausgang nimmt.

An den toten und vergewaltigten Töchtern nimmt die Geschichte immer einen Anfang. Der Dämon setzt systematisch an den Unschuldigen an, an jenen, die sich noch in der reinen Glut des Bewußtseins befinden und wahr sehen. An ihnen stößt er sich, und sie attackiert er, gerade dort, wo er weiß, das Ich ist im Entstehen. Der Dämon hat ein Interesse, sich in uns zu vervielfachen. So versklavt und vernichtet er uns, wie ein Vampir, der sich kleine Möchtegernvampire, erfüllt von, wenn man sie läßt, grenzenloser Gier und verblendetstem Haß. Denn das Böse, das auch über die idyllischste Kleinstadt herzufallen versteht (so wie 2018 Paradise in Nordkalifornien) zehrt von diesem Feuer, das uns brennen und glühen läßt. Wir wissen, in uns brennt ein Feuer, das nicht wir entzündet haben. Jemand anderer, etwas anderes hat uns entzündet. Das wissen wir. Und wir wissen nur allzu bald, daß wir ein Vermögen haben, das die Gegenthese zu diesem Zwang des Brennen Müssens darstellt: Unser Vermögen, Menschen brennen zu lassen. Menschen verbrennen in Häusern, in den Straßen von bombardierten Städten, auf Scheiterhaufen. Gerade auf Scheiterhaufen, mit dem staunenden, sprachlosen Volk als willige Zuschauer, so wie bei den öffentlichen Hängungen im damaligen Wilden Westen oder den Enthauptungen auf der Place de la Concorde zuzeiten der sogenannten Französischen Revolution, die all ihre blutrünstigen Kinder fressen sollte, indem sie diese derselben monströsen Erfindung eines französischen Arztes zuführen sollte. Das Drama nimmt in der Jugend seinen Anfang, und es endet in der Regel, in der Regel, unter Qualen, Verwünschungen und geistiger Verwirrung. In der Regel. Ausnahmen lassen sich finden. Es sind wenige, so wie jene, die im Schlaf sterben. Keiner von uns Lebenden weiß, wie es sein wird, sollte uns eines Tages dieses Los direkt treffen. Der lächelnde Papst aus Venedig, Albino Luciani, der nur ein Monat das Amt bekleidete, bevor er schon wieder abberufen wurde, hat es erlebt. Und alle seine Nachfolger (alle!) fragten sich, warum es so geschehen mußte, dieses Drama der Papstwahl, der Wahl eines kranken Kardinals im Konklave, von dem die Kirche, somit wir, nur äußerst wenig (formulieren wir es einmal so) hatte, nämlich ein vereinnehmendes Lächeln, eine unübertroffene Unschuld. Was, so fragten sich viele, hatte Jesus mit einem solchen Mann vor, der die Unschuld wie kein Zweiter verkörperte? Ein Feuer läßt uns verbrennen, und nur allzu oft verbrennen wir schlußendlich an ihm. Es verlischt nicht, sondern wir löschen es gewaltsam, vielleicht in einem Amoklauf oder in einem der zahllosen, willkürlich und fadenscheinig vom Zaun getretenen Kriege, in einem Feldzug systematischen Mordens. Und die Soldaten gefallen sich in der Regel im Morden, sobald sie in Uniform gekleidet sind und den Marschbefehl, den Freibrief zum Töten empfangen. So ist es auf beiden Seiten, und so war es schon immer. Doch heute wird dies nicht mehr geschehen, nicht über der Hauptlinie der Verwerfung, nein, das sicher nicht, doch an den zahllosen Nebenversuchsplätzen, den Spielzeugkisten Afrikas (seit 250 Jahren) und am Fuß des Transhimalaya. Unter anderem. Das Feuer, zumindest das, was noch am Glosen war, verlischt mit einem Schlag, wie unter einer transkontinentalen Tsunami, der sprichwörtlichen metaphysischen Woge, und nachdem sich der letzte Rauch verzogen und alle Brandstätten verkohlt oder in Asche erkaltet haben, erscheinen die Spurensicherer inmitten des verschreckten Ortes. Die braven Leute wagen nur mehr zu murmeln und zu wispern: „Wir haben einen Mörder unter uns...“ Mörder gibt es immer, leider, und nicht immer tragen sie US-amerikanische oder sonstige Uniform. Die Mörderinnen sind in eklatanter Unterzahl. Frauen kaufen auch nicht Waffengeschäfte leer. Das sollte doch zu denken geben.

Und so begeben wir uns zu Bett mit einem guten Vorsatz: Wir wollen das Träumen lernen. Die Mächte – wer auch immer sie sind – mögen mir heute, heute, einen Traum schicken, den ich mir merke, einen abenteuerlichen, der mir Geschmack gibt für das große Abenteuer. Heute, in dieser stillen Zeit, wo phasenweise nichts funktioniert und mitunter Menschen in Atemnot auf Gehsteigen zusammenbrechen und verröcheln, möchte ich doch einmal reinen Tisch machen, ja, reinen Tisch, und übrig bleibt mir der geliebte schwarze Kaffee, mein geliebtes Schreibgerät, meine Uhr und mein Lieblingspyjama, in dem ich zur Not auch noch auf der Straße schlafwandeln könnte, ohne sofort angehalten zu werden. Vielleicht könnte doch etwas dran sein an der Idee, einzuschlafen und nicht mehr aufzuwachen. Dann hätte ich zumindest nicht die Arschkarte gezogen. Man hat mich nicht am elektrischen Stuhl geröstet und kein Irrer hat mich in Brüssel oder in der Moskauer U-Bahn in die Luft gesprengt, sodaß mein Kopf irgendwo herumkollern hätte müssen. Und schon gar nicht hat man mich erschlagen oder auf offener Straße erstickt. Und von meinem irren Ehemann erstochen zu werden, ebenso auf offener Straße, in einem Landstrich, der sich heimatverbunden das Mostviertel nennt, möchte ich mir auch ersparen. Diese Dramen sind allesamt atemberaubend. Gleich fällt das gesamte Kartenhaus, mein Puppenhaus, meine Lebensplanung zusammen. Alles bricht zusammen, alles vergeht, auch das heimeligste Frühstückskaffeerestaurant mit seinen lieblichsten Kellnerinnen in einem Landstrich, der von majestätischen, Jahrhunderte alten Sykamore Trees geziert ist, durch die ewige Winde rauschen und Eulen nächstens auf Beobachtung gehen, während über den Wipfeln ewige Ruh´ einkehrt. Ich möchte träumen. Am liebsten einen Traum, in dem man mir alles erklärt und man mich mit Namen anspricht. Wo ich endlich einmal nicht allein bin. Wo alles höflich zugeht, so wie bei diesem sympathischen FBI-Agenten, der immer lächelt und für den die Welt eine einzige Offenbarung darzustellen scheint. Von einem Ort möchte ich träumen, in dem Kennmelodien aus der Hand Angelo Badalamentis und Lieblingslieder sonder Zahl durch die Luft schweben, Hand in Hand, nach einander, wie bei den Jukeboxen meiner Jugend. So könnte es funktionieren. Ich bitte darum. Das Chaos soll derweilen ein Anderer, der die Macht in Händen hält, abstellen. Ich bitte darum.

 

 

Dieses Thema wurde geändert 4 Wochen zuvor 3 times von W.Himmelbauer

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(@w-himmelbauer)
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09/06/2020 3:51 pm  

Die Wende

Das Arbeiten mit der Medizin wird von einer Unterströmung getragen, derer wir gewahr werden, sobald unsere Absicht, in diesem Leben maßgeblich zu lernen, eine unbeugsame geworden und zudem mit der nötigen Disziplin gepaart ist. Disziplin und mehr noch strategisches Vorgehen im Feindesland („Das Universum ist mehrheitlich ein räuberisches“; Juan Matús). Das strategische Vorgehen kommt zuletzt, sozusagen als letzte Realisierung der Unabänderlichkeit unserer Ausrichtung, d.h. unserer Marschrichtung inmitten des Malstroms. Im Malstrom kann man nicht gegensteuern oder gar kehrtwenden. Im Malstrom der Medizin, die wahres Leben bedeutet, gibt es nur eine Ausrichtung, nämlich, nicht wie ein Narr zu sterben. Der Malstrom ist wie das Beten des „Vater unser“. Das kann man auch nicht zurücknehmen. Wenn wir das „Vater unser“ beten – und vielleicht auch noch, nachgeschoben, das „Gegrüßet seist Du, Maria“ können wir uns immerhin vorsagen, Teufel sind wir immerhin nicht. Noch sind Hopfen und Malz bei mir nicht verloren, da sind noch einige kostbare Vorräte in meinem Weinkeller. Mit dieser Ausrichtung, Glaube und Hoffnung, keimt schlußendlich auch das auf, wofür es erst recht wert ist, zu leben, das höchste Gute, wie es Christus nennt, die Liebe. Liebe zu unseren Kindern, zum Vater, zur Mutter unserer Kinder, zum Mitmenschen, zur Schöpfung. Man kann die Schönheit der Schöpfung sehr wohl auch lieben, doch erst recht wollen wir danken, all dies Wundersame wahrnehmen zu dürfen. (Hier verwende ich dieses Verbum: „Dürfen“) Wir geben uns dem Malstrom eines durch und durch geheimnisvollen Lebens auf dieser dreifaltigen Plattform hin: Disziplin, unbeugsame Ausrichtung, strategisches Vorgehen. Die Situation ist ernst, ja , sie ist noch mehr, sie ist tödlich. Ich sitze bei einem Festmahl, ein ungebetener Gast tritt ein. „Jedermann, hier bin ich, um dich zu holen.“ Mitten beim opulenten, ausgelassenen Festmahl. Das kann schnell passieren. Alexander Aljechin, der damalige Schachweltmeister, starb einsam in seinem luxuriösen Hotelzimmer in Lissabon, kurz nach dem Krieg, an einer Fischgräte. Welch unprätentiöser Tod. Doch diesen können wir uns nicht aussuchen, sagt das Volk, zurecht. Mehrheitlich zumindest nicht. Manche hingegen schon. Doch für diese Menschen ist die Medizin erstmal belanglos. (Vielleicht ist sie es ihnen dann im Tod nicht, oder nicht mehr. Vielleicht gibt es im Tod ein Umdenken. Warum nicht?) Doch wir, die Hingegebenen, die Wackeren, die Geschlagenen, die Schlafwandler, wir Nicht-Millionäre, die wir kleine Brötchen backen, wir sind eben unweigerlich hingegeben. Wir haben den Entschluß in einem Moment gefaßt, an den wir uns eigenartigerweise nicht mehr erinnern. Der Entschluß, es anders zu machen als die der Verblendung Hingegebenen. Das heißt zwar noch nicht, daß wir nicht auch verblendet sind – klarerweise sind wir es -, doch eines Tages setzt in einer wahrhaftig ruhigen Stunde eine Erkenntnis ein, die uns durch und durch auf Leben und Tod verändert. Zumeist ist es das Erleben eines reinen Verbrechens, reiner Gewalt etwa. Jener Moment, in dem in uns etwas entschieden „Nein“ sagt, so wie Stauffenberg spät, aber doch, „Nein“ sagte zu diesem Scheusal, das sich so jovial gab. Von da an wurde sein Handeln ein strategisches. Uns fehlt die Strategie noch. Wir wissen erst mal nur, was wir nicht wollen. Wir wollen nicht Faschismus, wir wollen nicht Lüge, wir wollen nicht ... das Böse. Gut, wir wollen nicht das Böse, sagen wir uns. Doch weiß ich eigentlich, was „böse“ ist? Weiß ich, was seine Natur, sein Wesen ist? Kenne ich all seine Facetten? Natürlich kenne ich sie nicht. Wie also mein eigenes Böses, das sich in mir gelegentlich bemerkbar macht, ausrotten? Wie es herauszerren, dieses sich sträubende, widerspenstige Biest, dem ich nicht den Kopf abzuschlagen vermag, denn dann wüchsen ihm sieben neue nach. Dieses Wort des Herrn gibt doch zu denken. Ein Wort, das auf die alten Griechen zurückgeht. Seltsam, daß auch der Herr es verwendete, als er seine Jünger warnte. Das Böse ist nie endgültig besiegt. Es ist nur abgewehrt. Ich habe mich zu schützen. Dort fängt Schamanismus an. Der Schamane ist nur ein kleiner Zwerg, ein Niemand, und mit Recht. Diese aufgeblasenen Pimpfe, die im Theatergewand auftreten, sie sind alle nur Blender und Verführer im Dienste des Abgottes, Magog, oder „Mammon“, wie ihn Jesus nennt. Die Abgötter sind es, vor denen wir uns mehr als alles Andere in acht nehmen müssen: das Geld, die Gier, der Haß, der Eigendünkel. Wir selbst, von dem/der wir einfach so, aus festgeschweißter Laune, keck hinausposaunen, um uns drehe sich die Welt. Spätestens mit unserem Tod ist jedoch alles anders. Übermorgen schon hat man uns vergessen. Der Malstrom hingegen, in den wir willentlich eingebunden sind, der Strom des Lebens, der uns trägt und schließlich verschlingt, ihn will ich würdigen mit meinem Leben. Mit meinem Leben, somit auch mit meinem Träumen. Denn meine Träume, soviel ist sicher, haben es in sich. Nicht nur, daß sie zeitweilig erschreckend sind, nein, vor allem sind sie unerklärlich, und das Ärgerlichste an all dem, ich bekomme die Veränderung nicht hin. Eine Veränderung hin zum Erklärbaren, zum Steuerbaren. Ach, wie gern würde ich doch einmal willentlich fliegen, und sei es ein Davonfliegen aus der Bredouille, vielleicht aus dem Schlachtfeld meiner Ehe, die doch nur blutig oder, im besten Fall, öde, ekelerregend enden wird. Wieso schaffe ich es nicht zu fliehen? Davonzufliegen! Am besten dorthin, wo mich niemand kennt. In ein fernes Land. In die Südsee vielleicht (wie die Sandmann), oder wie der Merkatz zu den Aborigines. Spätestens bei der Pension sag ich allen „Ade!“ Nur damit ihr es wißt. Wie also eine Verbesserung erzielen. Antwort Carlos Castaneda: siehe oben. Die drei Säulen. Ich habe keine Garantie, doch ich pack es an. Ich suche mir nicht Herrn Reinhold Messner als Wanderpartner für den Südpol. Das kann nur schief gehen. Zwei Egomanen zücken beizeiten den Taschenfeitel. Nein, ich kann nur alleine starten, mit festem Vorsatz. Irgendwann, so hoffe ich, werde ich im Heimatland der Pinguine einen schwarzen Punkt ausmachen, der ebenso wie ich nicht in diese Eiswüste gehört. Sieh an, ein Wandersmann. Das kann nur eines bedeuten, die Zeitgenossin Erika Schinegger (oder Jutta Schutting) hat es in die Einsamkeit ohne Fernsehprogramm verschlagen. Bald setzt Transformation, will sagen: Irrsinn ein. Was soll´s? Irren ist nur natürlich, ja sogar hartnäckiges Irren ist nur natürlich. Doch irgendwann, so sage ich mir, kommt der Moment, wo ich innehalte, nach 50 Jahren vielleicht, und ich frage mich: „Aber hallo, was wird hier eigentlich gespielt? Mittlerweile bin ich bereits zweifache Witwe, ein Enkelkind ist an Leukämie gestorben, einer meiner Söhne hat die Gattin bei der Geburt seiner Tochter verloren, doch ich krebse immer noch herum und suche nach dem roten Faden. Wann endlich spricht Gott zu mir in meinen Träumen?“

Und genau das ist der Punkt, an dem sich alles wendet. Das Einsetzen eines zarten Dialogs, der anfangs nur ein Fragen an Unbekannt ist. „Wann endlich meldest DU dich?“ Das ist dieselbe Frage wie in der Diät. „Geist der Medizin, bitte lehre mich! Hilf mir bitte, mich zu reinigen und zu läutern! Führe mir vor Augen, was ich falsch gemacht habe!“ Das ist ein handfester Vorsatz. Zu ihm braucht es Mut. In der Abgeschiedenheit der Diät ist es nur eine Frage der Zeit, bis man mit sich selbst zu reden beginnt. Stoßweise zumindest. Doch in der Nacht kann es tatsächlich passieren, daß wir einen Schritt weiter gehen. Aus dem Denken wir ein Ansprechen, und aus dem Ansprechen lautes Anflehen. Flehen! So wie die Baptisten Mittwochs, Freitags und Sonntags laut flehen. Sie reden, was ihr Herz bewegt. Auf Knien, auf hartem Boden. Sie liegen nicht wie der Papst, doch sie knien. Der Papst liegt auf dem Boden. Zuweilen hat er gar kein Kopfkissen, denn es geschieht unerwartet, wie in El Salvador, der Heimat des ermordeten Erzbischofs Romero. Oder er liegt in einer Basilika, weil er den Herrn anfleht, er möge endlich kommen. Die Welt, seine Welt, steht am Rande des Abgrunds. Die medizinergebene Schülerin und ihr Mitkämpfer haben bereits eine ähnliche Ahnung. In Ayahuasca kugeln sie auf dem Boden herum, schluchzend, weinend, scheinbar verzweifelt. „Gott!“, ruft sie aus. Markus ergänzt mit leiser Stimme: „Ja, Gott! Gott, erbarme dich unser!“ In Ayahuasca. Doch was ist hier zu erbarmen?

Alles.

Und dann fällt ein Blatt vom Baum, vor unserem Schritt. Und ein Kolibri umsurrt uns. Ein Schmetterling setzt sich auf unsere ausgestreckte Faust. Und unsere Seele wird ruhig.

Diese r Beitrag wurde geändert 4 Wochen zuvor 2 times von W.Himmelbauer

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