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Das Wirken der Unendlichkeit  

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(@Der Jahreskreis)
Mitglied
Beigetreten: vor 11 Jahren
Beiträge: 35
04/08/2016 2:25 am  

Das Wirken der Unendlichkeit

Die Unendlichkeit fordert. Sie fordert uns auf, sagt Don Juan. Sie ist es, die in unser Leben eingreift. Sie spricht uns direkt an. Wir haben ihr Genüge zu leisten, wollen wir unseren eigenen Anspruch an Selbstüberwindung, an Selbstbefreiung einlösen. Er sagt, es gäbe in uns allen immer nur das Sich-gehen-Lassen. Das dem-persönlichen-Anspruch-nicht-gerecht-Werden. Ein weiterer seiner Zentralsätze.
Die Reden des Don Juan Matus sind nuklear. Sie sind eindeutig, unverrückbar. Sie sind von Relevanz.

Die Unendlichkeit fordert von uns das Anlegen eines Albums der denkwürdigen Ereignisse unseres Lebens. Das, so der Nagual, ist die Aufgabe an den Kriegerwanderer. Die denkwürdigen Ereignisse, wie sie uns mit Wucht überrollen, überschwappen, einholen, nachdem wir uns zehn Mal selbst erschaffen haben, um die wahren, die entscheidenden Momente unseres Lebens zu extrahieren. Die denkwürdigen Ereignisse als Offenbarung des Wirkens des Einen und Wahren Geistes. Die Erinnerung, wie sie aufbricht, in solchen Momenten des direkten Angesprochenwordenseins, sie absorbiert uns vollständig. Wir verkrümmeln uns in eine Ecke.

Das ist der Grund, warum "The Blue Scout", wie Nurey Alexander alias Patricia Partin in "Die Kunst des Träumens" tituliert wird, beim Vorlesen einer Passage aus Castanedas letztem Werk, eben diesem, vor mehreren hundert Teilnehmern eines Workshops von Cleargreen zu weinen begann. Sie spürte die Wucht der Wahrheit, die Wucht der Ehrlichkeit. Die Wucht des Bekenntnisses.

Denn wo finden wir heute Menschen, die im Stile des alten Kirchenvaters Augustinus bekennen?
Ich bekenne meine Torheiten, meine Irrtümer, meine Fehler, meine Sünden. Ich erinnere. Die Fülle ist kaum zu ertragen. So viel ist passiert. So weit bin ich gekommen. Es ist ungeheuerlich. Wohin soll es noch gehen?

Ich gehe, und ich gehe, und ich sehe, und ich sehe atemlos. Das ist das Bekenntnis eines Kriegerwanderers vom Format eines Don Juan Matus.

"Klar, das muß erfunden sein, denn so kann kein Mensch sprechen. Und außerdem ist solche Rede eine Plattitüde", hecheln die Geifer. Aber das ist für mich gänzlich uninteressant. Das ist ganz und gar irrelevant.

Relevant ist, wovon wir uns ansprechen lassen wollen. Wovon wir uns letztendlich ansprechen lassen, und wovon wir schlußendlich angesprochen werden. "Le voyage définitif" nennt es der französische Titel von Castanedas letztem Werk, im Monat seines Todes veröffentlicht.

"Dies ist der einzige wahre Moment in deinem (in meinem) Leben...."

Das ist doch klar genug.


AntwortZitat
(@w-himmelbauer)
Mitglied Admin
Beigetreten: vor 14 Jahren
Beiträge: 272
29/04/2017 5:26 pm  

Doña Soledad Ruiz, Gottesdienerin, Ciudad de México

Vor wenigen Tagen wurde auf der Facebook-Seite von Doña Soledad Ruiz, der hochdekorierten Schamanin, folgende Nachricht publiziert, die ich aus Gründen der Wichtigkeit hiermit wiedergebe:

"Un día como hoy 10 de abril pero de 1936 nace en San José del Paso Manuel Doblado Guanajuato, Soledad Ruiz, actriz directora y profesora, pilar fundamental del teatro universitario de la segunda mitad del siglo XX.
Discípula de Seki Sano y del director checo Ottomar Krejca, impulsora de dramaturgos como Óscar Liera y Carlos Olmos, formó parte del grupo Teatro de México junto con Miguel Sabido, Irene Sabido, Lourdes Canale y José Solé. Junto con Eraclio Zepeda conformó el proyecto de Teatro Campesino y dirigió la Brigada Xicotencátl en Tlaxcala. Fue catedrática de practicamente en todas las instituciones de enseñanza teatral del país, junto con Liera impulso la Muestra de Teatro del Noroeste.
Llevo a escena entre otras las obras "El burlador de Sevilla", "El campesino y el rico", "El círculo de Tiza", "El presente perfecto", "Las fábulas perversas", "El gran parque", entre otras.
Como actriz participó en las puestas en escena de "Un alfiler en los ojos" de Edmudo Báez compartiendo escena con María Douglas y Rosaura Revueltas y "Los ciegos" ambas dirigidas por Seki Sano. En cine participó en las películas "Retorno a Aztlán", "Perdo Páramo", "Chichen Itzá, la palabra del Chilam", "La hija del puma", "Rito terminal", "El camino de las ceibas", "Zapata, el sueño del héroe", "Erendira Ikikunari", "Oficio de melancolía".
En televisión participó en las telenovelas "Alondra" y "Lazos de amor" y dirigió "En carne propia".
Además de ser amiga personal de Carlos Castaneda y dedicar su vida a la Danza Conchera donde fue capitana, fue sanadora y guía espiritual y guardiana del conocimiento.
Entre otros fue reconocida con el premio Bravo como Mejor Actriz por "Rito terminal" y la Medalla Una Vida en el Escenario por el ITI UNESCO en reconocimiento a su trayectoria.
El 18 de febrero de 2011 trascendió a otro plano de existencia."

Ich "durfte" diese Frau 1998 in Alpbach kennenlernen. (Heute verwende ich einmal ausnahmsweise dieses Verbum). Meine damalige Begleiterin, Doña Delia Rosenkranz, war damals dabei und hat in den Folgejahren mit dieser unerreichten Meisterin sowohl in Österreich wie in Mexico gearbeitet. Laut Doña Delia das bei weitem mysteriöseste Erlebnis ihres Lebens, da es im Zustand des erhöhten Bewußtseins erfolgte und sie sich über weite Strecken in ihrem Traumkörper befand.

Ich habe beide Frauen außerordentlich geschätzt, doch hinsichtlich Doña Soledad ist "schätzen" eine maßlose Untertreibung. Zum einen konnte ich sie ja gar nicht schätzen (durfte dies auch gar nicht). Sie warf mich in eine Untiefe, aus der ich bis heute nicht herausgekrochen bin. Meine Position ihr gegenüber war die der Inferiorität, ohne daß ich deswegen mit diesem Umstand gehadert hätte. Sie diente mir nur als unverrückbare Referenzperson in Sachen Makellosigkeit. Man kann sagen, bis heute.

Diese Wahrnehmung der objektiven Inferiorität war bedingt durch Soledads Zugehörigkeit zu den erlauchtesten Kreisen  der mexikanischen Magie, wenn ich es einmal so nennen darf. Ihre Biographie liest sich schillernd wie das Leuchtfeuer einer übergroßen, lebendig gewordenen Freiheitsstatue, einer Pallas Athene der Jetztzeit. Ich habe keinen anderen Vergleich. Und sie ist bedingt durch einen Umstand, den man nicht hoch genüg würdigen kann, nämlich ihre innige Bekanntschaft mit Carlos Castaneda und, man glaubt es kaum, zweimaliger Begegnungen mit dem "Brujo" schlechthin, dem Nagual Juan Matus, im Haus ihrer Lehrerin, der unvergleichlichen Doña Magdalena. Und zum Dritten, weil ich damals am Kongreß zu Alpbach zu feige war, aufzustehen und das Wort an sie zu richten. Ich hatte damals zwei elementare, lebensbestimmende Fragen. Sie hat diese Fragen später bei andern Gelegenheiten ausführlich beantwortet. Ich war dann nicht dabei. Mein damaliges Versäumnis habe ich mir lange Zeit selbst vorgeworfen, denn es wirkte bitter. Bitter als vieles Andere. Später habe ich mich nach und nach mit diesem Versäumnis versöhnt. Ich glaube, die große Meisterin wußte, was damals geschah. Ich werde die entsprechenden Kapitel in meiner obra en progreso wohl nochmals überarbeiten müssen.

An Doña Soledad war vieles außerordentlich betörend. Sie war perfekt gekleidet. Nobel gekleidet. Sie hatte indianisches Blut. Wie weit, entzieht sich jeder Mutmaßung und ist hier nicht relevant. Sie wirkte feurig. Ihr Blick aus tiefschwarzen Augen wirkte, um nach dem angebrachten Begriff zu suchen, atemberaubend. Sie sprach mit feierlichem Pathos. Sie wirkte damals in Tirol fremdartig wie eine Außerirdische. Weit fremdartiger als die schwarzen Zulu-Sangomas. Ich kann Herrn Wolf Wies aus München nur danken, daß er diese Dame eingeladen hatte. Ohne ihn hätte ich diese Frau, die wie eine direkte Gesandtin Gottes auftrat, wohl niemals kennengelernt. Das ist retrospektive Mutmaßung ohne Boden. Ich habe noch viel aufzuarbeiten. Das Ganze erscheint mir wie eine einzige globale Revolution, eine Weltenumkehr. Wenn eine Frau aus dem Horizont der Öffentlichkeit fähig gewesen ist, die uns allen anstehende Weltrevolution zu induzieren, dann Doña Soledad Ruiz. Sie kannte somit Carlos Castaneda inniglich. Sie berichtete über ihn an ausgewählten Stellen. Mehr als jede andere verstand sie, als Latina, dessen Mission. Deswegen fiel auch der dreizackige Nagual beinahe in Ohnmacht, als er ihr vorgestellt wurde, denn sie erinnerte ihn nach und nach an das Unbeschreibliche, was er im Zustand des erhöhten Bewußtseins erlebt hatte.

Im selben Zusammenhang war Doña Soledad die Sammelfigur und Anführerin der erlauchten mexikanischen Szene, die Huicholes und Tarahumará-Indios einmal ausgenommen. Kraft ihres Wirkens wurde der mexikanische Mythos wiederbelebt und ausgewählten Menschen - gar nicht so wenigen - wieder zugänglich gemacht. Sie tat all dies auf göttliche Weisung hin.

Zu ihren vielfältigen Tätigkeiten hin zählte ihr Wirken als Regisseuse und Schauspielerin. Sie war in Mexiko landesübergreifend eingeführt. Man könnte sagen, sie unterhielt kraft dieses Wirkens ein geheimes Band zu Julian Osorio, dem Meister Don Juan Matus', der selbst einen mexikanischen Sir Lawrence Olivier abgab. Und sie schätzte Ingmar Bergman als den Referenzregisseur schlechthin. Auch das ein Aspekt, der mich einfach sprachlos macht. Alles, was mit dieser Frau zusammenhängt, bedauere ich zutiefst und erfüllt mich mit beinahe herzzereissender Nostalgie.

Der einzige Trost - und das ist wahrlich ein Trost, aber nicht nur Trost, sondern noch vielmehr Herausforderung - über ihr Verschwinden hinaus ist meine Gewißheit, daß Doña Soledad sich nunmehr an jenem Ort befindet, an dem auch Castaneda weilt. Sie hat dies mehrmals angesprochen und es fand sich zuletzt auch auf ihrer Facebookseit. Castaneda wechselte - nach dem Bekunden seiner "Gefolgsleute", unter anderem Dr.Miles Reid, den ich persönlich kenne - am 27.April 1998 in die Dritte Aufmerksamkeit über. Somit vor 19 Jahren und 2 Tagen. Vor zwei Tagen, also am Jahrestag des Verschwindens veröffentlichten die Redakteure der Facebook-Seite von Doña Soledad, eine Hommage an Castaneda. 17 Tage zuvor (siebzehn, für den Nagualismus eine magische Zahl) veröffentlichten sie das Fortgehen der Meisterin, das, jener Notiz zufolge, bereits am 18.Feber 2011 geschehen sein soll. Ich habe all diese Zeit über somit mit einem Geist kommuniziert. Amen.

 


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