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Die Auferstehung des Herrn  

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(@w-himmelbauer)
Mitglied Admin
Beigetreten: 16 Jahren zuvor
Beiträge: 330
21/04/2019 3:43 pm  

Die Auferstehung des Herrn

Das Osterfest, die Auferstehung des Herrn von den Toten am dritten Tag, dem Tag nach dem jüdischen Sabbath, zerreißt die Welt und jeden Einzelnen, denn nur die Allerwenigsten glauben an sie. Glauben im Herzen, ganz persönlich. Das ist die Richtung, die beklemmende Ahnung: Alles unwahr, der Nazarener längst vermodert. Doch auch an den Gläubigen nagt ein Zweifel, ein hartnäckiger Zweifel. Ein Zweifel, der sich unweigerlich auch bereits in die Urgemeinde eingenistet hatte, glaubten sie doch, ihm noch zu Lebzeiten nachfolgen zu werden, genau so wie es mit ihm geschehen war. Doch dem ist nicht geschehen. Seitdem, so die Statistiker, sind gute hundert Milliarden Menschen gestorben, die meisten von ihnen spurlos verschwunden. Auch Christus verschwand spurlos, und sein Wiederkommen ist nicht nur ungewiß, niemand weiß auch, wann es geschehen wird. Das bezeugte er ja selbst. "Niemand kennt den Tag und die Stunde, die der Vater im Himmel bestimmt hat." Diese Rede wird im Grunde heute verächtlich und mit Häme bespuckt, und nach dem Bespucken tritt bodenlose Verzweiflung ein. Und bodenlose Verzweiflung führt in der Regel zu Irrsinn, Umnachtung, Selbsttötung und allgemeinem Morden. Wir haben es hier mit einem weltweiten Aufschrei zu tun, einem Aufschrei, der gut vergleichbar ist mit dem Aufschrei der gequälten Tierwelt, erst recht des Zuchtviehs, das durch und durch seiner Würde beraubt wird. Das Verbrechen, das der Mensch an den Tieren begeht, setzt sich fort an den Bäumen und geht über zu den lebenswichtigen Elementen Wasser, Erde und Luft. Selbst das Feuer haben wir mit unserem Atomwahn entheiligt. Wir haben alles entheiligt. Das ist die verhängnisvolle, durch und durch dramatische Lästerung durch ein Wesen, das sich vor eine himmelhohe Wand gestellt sieht, die undurchdringlich scheint und die, noch schlimmer, nicht antwortet. "Es antwortet ja niemand" ist ein Bekenntnis vieler Patientinnen, die in tiefer Trauer zu versinken drohen. Und viele dieser Frauen sind in tiefer Trauer gestorben, ohne Antwort und ohne Glauben. Selbst das Sakrament der letzten Ölung lehnen sie aus diesem Grund ab. Das Sakrament spendet weder Trost noch gibt es Antwort. Der Priester, der an meinem Totenbett steht, lügt nur, oder er weiß letztendlich nicht, was er da wirklich tut. Er beantwortet mir ja keine einzige Frage, und das hat er auch früher nie getan. Er hat mir nie beantwortet, warum er tagein, tagaus so geschmacklos angezogen ist; warum das eiserne, schwere Kreuz auf seiner Brust; warum die Geldwirtschaft; warum das Anbiedern; warum das Lügen; warum die eigene Perversität. Ich liege auf meinem Totenbett und sehe einen riesengroßen schwarzen Schatten an der gegenüberliegenden Wand stehen. Nimand der anderen sieht ihn, nur ich. Es ist lächerlich, daß meine Angehörigen und sonstigen Besucher dermaßen blind sind. Das alles ist ein absurdes Theater. Es ist nur pervers. Jetzt also bin ich an der Reihe. Schlimm genug. Es soll ohne Schmerzen gehen. Hat jemand die Spritze, sage ich nicht Nein. Und dann werden wir sehen. Schade, daß ich niemandem berichten werde können. Das ist wirklich schade: Du kannst nie ernst reden. Von jedem wirst du gemaßregelt, bis zuletzt. Niemand läßt dich ausreden. Alle fallen dir ins Wort. Und jetzt, wo ich mich nicht mehr wehren kann, erst recht. Daß all dieses Schmähtheater in ein paar Stunden sein Ende gefunden haben wird, ist nur schlechter Trost. Mir fehlt sogar die Kraft zu protestieren. Es ist ein Jammer!

Diese Rede ist Lästerung. Die Lästerung zeichnet uns Menschen aus. Wir fühlen uns im Recht. Wir fühlen uns im Recht auch gegen Gott. Wir reden, er antwortet nicht. Also lästern wir. Franziskus nennt das die "Rebellion des Menschen". Der Mensch, der gegen alles rebelliert. Das unterste, wogegen er rebelliert, ist das eigene Leben Müssen. Der rebellierende Mensch, der hochmütige, schwingt sich zu der ultimativen Rede der Lästerung auf: "Du hast mich nicht gefragt, ob ich überhaupt leben will." Das ist unser Kennzeichen. Das Zeichen, das uns bezeichnet. Der Hochmut. Im besten Fall ist es lähmende Gedankenlosigkeit, Dummheit. Doch Gier und Dummheit werden noch dazu führen, daß die Menschheit sich selbst ausrottet. Die Selbstausrottung der Menschheit ist die ultimative Gotteslästerung. Doch die Instanz, die hier brüllend lästert, hat selbst damit kein Problem.

Die Zustände sind fürchterlich. Die Krankheit ist fürchterlich. Wo ist Trost? Wo ist Hoffnung? Wer gibt Antwort? Schreckliche Dinge passieren. Ungeheure Dinge passieren. Die Leute wissen nicht, was sie reden. Wir werden auf Tag und Stunde zerschossen, mundtot geschossen. Wie erst all die Tiere in den Käfigen? Wer wütet hier? Was wütet hier? Ich sehe es täglich. Sie saufen gierig das amerikanische Zuckerzeug. Die Plastikflasche werfen sie in den Fluß, egal, ob Kind oder Mutter. Sie wissen absolut nicht, was sie da tun. Sie haben absolut keine Vorstellung, was außerhalb ihres Horizontes geschieht. Der peruanische Ex-Präsident Alan Garcia macht es vor: Er schießt sich in der Karwoche in den Mund, in seinem Schlafzimmer. Draußen die wartende Polizei, die ihn abholen will. Ein Verbrecher, der Statur beweist. Was danach kommt, ist ihm egal. Er hat sich dem weltlichen Gesetz entzogen. Andere sagen, für mich gilt kein Gesetz. Mehrere Dutzend der sogenannten Staatenlenker leben nach diesem Credo. Das Credo des Absolutismus. Allesamt keine Christen. Der Kirchgang ist für sie Instrument. Sie beten in der Kirche nicht. Sie wüßten auch nicht, was und zu wem. Der Verbrecher kennt weder das katholische Glaubensbekenntnis noch ist er bereit, es vom Papier abzulesen und auszusprechen. Und dieser Verbrecher ist ein Mann, der sich auf sich selbst alles, aber auch wirklich alles, einbildet. Der pathologische Lügner schlechthin, ein Mann ohne jede Ehre. Ein Mann unter schleichender Demenz. Ein Opfer des Bösen.

Das ist der Grundsatz, der sofort in die Diskussion eingeworfen wird: Das Böse gibt es nicht, wir müssen uns selbst helfen. Hinter verschlossenen Türen sprechen die Teilnehmer der Wannseekonferenz weiter: "Wenn es das Böse nicht gibt, gibt es auch nicht das Gute. Doch das ist uns egal. Das einzige, was zählt, ist unser Wille. Diesen Willen werden wir verwirklichen." So sprachen sie damals, und so sprechen sie heute. Kinder bringen sie um, erst recht jene, die nicht dem eigenen Volk entstammen und die dem Terror zuhause zusammen mit ihren Eltern zu entfliehen versuchen. Anstatt in Mittelamerika einzumarschieren und dort für saubere Verhältnisse zu sorgen, kerkert der Mann ohne Ehre - und erst recht sein Adlatus, der unsägliche Maschinenmann, der mich immer, sobald ich ihn auf CNN sehe, an Reinhard Heidrich erinnert -, die Flüchtenden in den Dutzenden, wie Konzentrationslager flächendeckend eingerichteten Lagern des Heimatschutzes ein, und niemand weiß, was dort passiert, und niemand weiß, wo die tausenden Kinder verloren gegangen sind. Und die Anchorlady auf NBC, die davon Kenntnis nehmen muß, weint in mütterlicher Rührung. Nicht Kirstjen Nielsen.

Wenn wir uns und diese unsere Heimat retten wollen, müssen wir uns selbst überwinden, in allem und in jedem Moment. Ich habe sonst keine Chance. Ja, man kann durch die Wand gehen. Es ist eine Selbstüberwindung. Es ist Kraftanstrengung. Es ist Entschluß. Es ist Wille. Ich weiß nicht, was mich drüben erwartet, doch die eigene Würde bin ich mir erst recht schuldig. Ich wasche meine Hände nicht in Unschuld. Ganz und gar nicht. Nein, ich habe Fehler begangen. Haarsträubende Fehler. Die Dummheit ist grenzenlos, doch irgendwann muß sie ein Ende haben. Ein Ende, bevor es zu spät ist.

 


Dieses Thema wurde geändert 1 Jahr zuvor 3 times von W.Himmelbauer

Zitat
(@w-himmelbauer)
Mitglied Admin
Beigetreten: 16 Jahren zuvor
Beiträge: 330
31/08/2020 11:17 am  

Die Toten in Ayahuasca

Gegen die Toten kommt keiner an. Sie sind uns zumindest eine Nasenlänge ständig voran. Unsere Toten haben eine Vorteil: Unsere Gedanken und Gefühle behelligen sie nicht mehr. Ein Schelm, der meinte, er könnte von seiner Arbeitsplattform (seinem Hinterstübchen, sozusagen) die Toten manipulieren. Für seine Zwecke klarerweise. Da liegt ja die Krot versteckt. Zu meinen, wir könnten Einfluß auf die Toten nehmen, nach unserem Begehr. Nur weil wir am Grab ihnen alles an den Kopf, der auch schon gar nicht mehr existiert, werfen zu können vermeinen, heißt dies noch lange nicht, unsere Querelen und Verirrungen erreichten den Adressaten problemlos, so als handle es sich bei der Kommunikation mit unseren Toten um unzensurierten Postverkehr. Nein, ein Schelm, der diesem Irrtum aufsitzt und noch dazu stolz auf ihn ist; auf diese vermeintliche Freiheit, nunmehr mit dem Toten klaren Tisch machen zu können. Zu vermeinen, ich befände mich kraft meines Lebendigseins im Vorteil, denn ich kann ja nun mal schalten und walten, wie ich will, die tote Person, die ja gar keine Person mehr ist, hingegen nicht. Die tote Person schweigt zu allem. Das ist doch offensichtlich. Das ist mein vermeintlicher Triumph. Ein Irrtum.

Ein Irrtum ist es dann, wenn uns nagender Zweifel erreicht und berührt. Der Zweifel ist das Kind unweigerlich sich einstellender Selbstreflexion, nämlich der Gedanke, wie es denn einmal mit uns vonstatten gehen wird. Der Gedanke, so unangenehm er uns anmutet, wird bereits zu Lebzeiten unumgehbar. Manche Verfechter der Verbrennung sagen sich, mir ist die Problematik sehr wohl bewußt und klar. Da steht einer an meinem Grab und leert eine Flasche Roten auf mich, wohin auch immer. Vielleicht fiele es ihm sogar ein, auf mich zu urinieren. Na gut, so weit wird es schon nicht kommen, schlußendlich liege ich auf einem Friedhof, aber immerhin, schon der Gedanke ist abstoßend und verwegen. Und ich kann dagegen nichts machen, zumal ich ja häßlich verfalle. Doch ich kenne das Spiel, und diese Wehrlosigkeit, diesen Triumph will ich ihm/ihr nicht gönnen. Lieber lasse ich mich verbrennen und meine Asche streuen sie in die Donau. Besser als Fischfutter enden als als unappetitliches Restobjekt des Gespötts von jemandem, der meint, noch eine Latte offener Rechnungen, sprich: von lauthals vorgetragenen Anschuldigungen, mit mir begleichen zu müssen. Dann werden sie weinen und mit dem Finger auf mich zeigen. Besser nicht. Besser, endgültig zu verschwinden, ohne Marmortafel, was ja ohnehin nur ein speiübles Geschäft ist. Wir wollen nicht, daß man eines Tages mit uns als Totem so verfährt, wie wir selbst mit den Toten verfahren. Das Geschäft der Anschuldigung nicht zu Lebzeiten. In dem Moment beginnen wir innezuhalten. Moment mal. In diesem Moment hakt etwas ein. Totsein ist kein Traum und auch kein Albtraum. Totsein ist nicht, im geschlossenen Sarg zu liegen und zu sehen, wie der Trauerkondukt, Mensch für Mensch, mit einem ihnen vom Totengräber gereichten Schäufchen Erde auf mich hinunterwerfen und ich mir ihre Gedanken anhören muß. All diese Falschheit und Häme. Wer weiß, wo ich dann bin. Vielleicht bin ich gar nicht im Sarg. Vielleicht bin ich woanders. Vielleicht bin ich im Nirgendwo und kann gar nichts mehr machen? Kann ich denn gar nichts dagegen tun? Vielleicht bin ich im Nichts, und nichts geht mich mehr an? Das wäre doch eine krasse, coole Lösung. Im Nichts, wo nichts mehr zählt. Ich, der/die Unerreichbare. Sollen sie selbst ihre Scheiße bereinigen. Ich bin froh, daß ich es überstanden habe. Ich genieße meine Pension in der Ewigkeit.

Doch hoppla, ich hab da ein Problem: Einstweilen bin ich noch am Leben, und meine Toten sind mir einen Schritt voran. Wenn ich  es recht bedenke, mein Problem ist schon ein persönliches: Ich vermisse sie. Nicht alle, doch die meisten. Irgendwie wurde mein Leben ärmer. Das ist Scheiße. Niemand bringt mir diese Leute zurück. Immerhin habe ich mich doch gut mit ihnen unterhalten, ein Leben lang. Von mir aus hätte es immer so weitergehen können. Irgendwie schon. Irgendwie waren diese Leute doch lässig. Sie haben tarockiert, sie haben im Wirtshaus gegrölt, sie haben gestunken und gerochen, sie haben geraucht und sie hatten immer einen gesunden Appetit. Vorzeigemenschen halt. Bleibt einem ja ohnehin nicht erspart. Du bist zum Menschsein verurteilt, da muß jeder durch. Doch keine, keiner kommt zurück. Alle mausetot. Das Grab von vor 40 Jahren interessiert mich nicht mehr. Wird irgendwie fad. Der Stein verändert sich ja doch nicht. Irgendwie ist der Stein selbst eine Provokation gegenüber dem, was sich unter ihm tut. Besser ein Seemannsgrab oder, wie gesagt, im Krematorium. Spüren werde ich das Feuer ohnehin nicht mehr.

Das sind unsere Gedanken. Gedanken, wie sie auf der Straße liegen, wie Brosamen, Jeder pickt sie irgendwann einmal auf, so wie eine golden schimmernde Münze am Weg. Gedanken der Unruhe, Gedanken der Angst. Doch sobald ich ruhig werde und einen Mitmenschen finde, mit dem ich über meine Trauer sprechen kann, verändert sich die Perspektive. Sobald ich eintauche in die Stille der Nacht, oben am Wachturm, am Leuchtturm, und hinausschaue auf die unaufhörlich heranrollenden Brecher, steigt mit Wucht etwas auf, das ich nur allzu gerne zurückgehalten hätte. Trauergespeiste Tränen. Trinke ich "La Madre", sind es nicht sosehr Tränen (oder doch? Ja, zuweilen wird herzerweichendes Schluchzen hörbar...), doch ein magenumwühlender Schrecken vor einer sich abgründig anfühlenden, gleichwohl unleugbaren Verzweiflung. Die Unabänderlichkeit des Verlustes versetzt mir einen dumpfen Schlag, der mich mich zusammenkrümmen läßt, und nicht nur mich. Oftmals beginnt hier das Herumkrabbeln auf der Matratze. Die massive Unruhe angesichts eines unabänderlichen Sicherheitsverlustes, denn Geblendetheit und Wahn Spenden mir jeden Tag trügerische Sicherheit. Dazu haben wir sie ja erfunden. Diese unmittelbare, im Gedärm - und nirgendwo sonst - sitzende Erkenntnis, daß alles nicht so ist, wie ich es mir die längste Zeit eingeredet habe, verursacht die typische Übelkeit im Magen. Es ist mir klar, ich muß mich von der eigenen Lüge befreien und gleichzeitig Resignation vor dem Unbekannten zulassen. Denn hinter allem Schrecken, aller Qual, aller Schande und Scham ob dessen, was ich verbrochen habe, grummelt noch ein anderer Schrecken, ein herrischer, möchte ich sagen, ein Schemen, der ein Gedanke ist, und der sich nicht bezähmen läßt: Das Wahrnehmen der eigenen Sterblichkeit. Und dieses Wahrnehmen, leider, ist nur eine Vorstufe, denn alsbald, praktisch unmittelbar, setzt eine Prozession von Einsichten und Geständnissen ein. Die Antizipation meines Todes führt mir mit kalter Unbarmherzigkeit die Absurdität meines Handelns, und erst recht meiner Reden, vor Augen. Ich sehe es, ich ahne es. Es ist zum Schämen. In diesem Moment kapituliere ich und greife zum Nachttopf. Ich bin froh, daß ich im bequemen Plastiksessel hineingepflockt bin. Es sieht mich ja sowieso niemand. Das ist praktisch. Und zudem sind die Leute ja bereits instruiert. Sie wissen, es kommt ein Erbrechen, und das nicht zu schmal. Das ist kein vegetatitves Erbrechen aufgrund einer Magenverstimmung, sondern ein energetischer, von bewußter Einsicht in seine Notwendigkeit getragener Brechakt. Ein Erbrechen zur Lebensrettung. Und siehe da, Gesichter aus der Vergangenheit treten auf. Meine Toten. "Herr Himmelbauer", ertönt eine Stimme von schräg links drüben (eine junge Frau von zwanzig; schweres Kokainproblem), "was wollen diese Leute von mir? Da kommt eine Prozession leuchtender Gestalten auf mich zu. Sehen Sie die auch?" Ich sage nichts. La Madre ist keine Party und kein Problemdialog (seltenste Ausnahmen einmal ausgenommen). Ein Monolog, ein ausgiebiger noch dazu, das schon. Ich kenne das. Vier Stunden Reden wie ein Kakadu. Ein russischer Gast beschwert sich lautstark. "Silence, please." Heute weiß ich, was damals passierte. Die verdrängte Kindheit, die mir dennoch nicht den Verstand geraubt hat. Ja, Monloge sind immer gut, besonders, wenn sie mit wildem Gestikulieren einhergehen. Diese Männer sehe ich in Wien zur Genüge. In La Madre gestikuliert man in der Regel nicht. Doch Stoßseufzer, das ja, kommen unweigerlich über die Lippen. "Wer sind all die Leute, Herr Himmelbauer? Geht weg, ich will euch nicht! Ihr macht mir Angst!" Verständlich. Damit hat niemand gerechnet. Die Toten nehmen an einem vorweggenommenen Begräbnis unserer selbst teil. Jemand schickt sie, und es ist nicht die Liane des Todes. Sie fühlen sich gerufen. Ein Engel weist ihnen mit ausgestrecktem Arm den Weg. "Dort unten auf Erden, dort könnt ihr wandeln. Helft und laßt euch helfen." Die Toten haben alle Zeit der Welt, so wie die Pflanzengeister des Urwalds. Und so kommen sie, schweigend, in einer Prozession schweigender Gestalten, wie leuchtender, phosphoreszierender Nebel. Faszinierend. Faszinierend. "Klothilde", hört in diesem Moment die Sitznachbarin der jungen Dame eine Stimme sich an sie, die Nachbarin, wenden, "um die Toten zu trauern kann nie genug sein. Das nennt man das Band des Lebens, das über den Tod hinaus wirkt. Und weißt du, warum es wirkt?" Klothilde antwortet wie eine Sprechpuppe, ohne im Mindesten still nachzufragen, woher sie die korrekte Antwort kennt: "Weil das Leben unvergänglich ist, wohingegen über das Nichts nichts gesagt werden kann. Das ist Religion, oder nicht?" (An solchen Stellen pflegte sich, vorausgesetzt, er hatte Lust, Peter aus Leipzig einzumischen. "Herr Himmelbauer, ich hab mal 'ne Frage: Warum ist das Böse eine Person, und warum war das Böse vor dem Menschen? Ist das nicht absurd?") Doch Klothildes Lippen geben das Kolloquium, das soeben in ihrem Geist stattfindet, nicht preis. Etwas anderes entringt sich ihrer Brust. Ihr tiefes Atmen hat es bereits angekündigt. Ein Atem der Konzentration und der punktuellen Selbstüberwindung. "Das ist eine Totenmesse! Jetzt habe ich es! Jetzt weiß ich, warum Sie diese ... Medizin Liane des Todes nennen! Wir sollen erinnert werden, daß wir sterblich sind! Der gräßliche Tod, der nur deshalb gräßlich ist, weil wir ihn ständig, ständig verleugnen. Oh, guter Gott, hilf!" Und sie sinkt wieder zurück an ihre Stuhllehne. Ich prüfe die Runde. Alle Teilnehmer sind hellwach. Sie haben sehr wohl mitbekommen, was hier soeben geschah. Überall nickende Köpfe. Erleichterung, daß jemand spricht, jemand seinem Prozeß sprachlichen Ausdruck verleiht. Wie wohltuend, wie beruhigend. Jemand spricht, eine Frau, und sie spricht vollkommen ehrlich. Zwei Frauen sprechen, aus innerer (innerster!) Notwendigkeit. Kurze Pause. Eine Fledermaus flattert auf ihrer Jagd nach zancudos im Finsternis beende herum. Wie vertraut das Geräusch des geschwinden Flügelschlags. Dann hängt sie sich wieder ins Dach. Andere Tiere, die im Dach wohnen, geben Laut. Es kratzt und scharrt. Die Holzwespen in ihrem Kobel beginnen zu surren. Etwas, das sie sonst in tiefer Nacht nicht tun. Doch hier und jetzt ist alles anders. Hier findet heilige Feier statt. Hier manifestiert sich Jenseitiges. Fehlt nur noch Max, auf daß er an der Tür scharrt, weil er herein will. Mein Labrador hat sowieso hier inmitten des Waldes die Nase voll faszinierender Sensationen. Der Tempel mit seinem modrig pilzigen Sandboden, dem Holz, dem durchdringenden Geruch der Medizin und des Erbrochenen, aber ganz zuvorderst die Gemeinschaft der Menschen, dem muß er doch an Ort und Stelle, unwiderruflich, nachgehen. Ob er die Toten sieht, weiß ich nicht. Wäre es so, ich weiß, er wüßte damit umzugehen. Der Hund ist friedliebend wie ein Engel. Er stuppst mich an den überkreuzten Beinen und begibt sich wie immer in Ruheposition. Hunde haben es gern, an Ayahuasca teilzunehmen. Max erleichtert mir Vieles. Zuvorderst muß ich meinen Zorn ihm gegenüber wieder zurücknehmen, den Zorn, weil er die Kinder am Nachmittag nicht ungehindert baden ließ. Schon hechtet er ihnen wieder von der obersten Stufe in den Teich nach, ganz zum Verdruß der Buben. Doch Kinder müssen eben gerettet werden, weiß das Tier, und dieses Wissen bleibt unveränderlich. Eine Gedankenkette setzt ein und läßt mich in Trance versinken. Das kurze, intensive Hundeleben im Vergleich zu unserem. Intensiv, doch gleichzeitig beliebig schlafend. Stückweise, über den Tag verteilt. Was für ein Leben. Ja und wenn!? Er schläft nach seinem Rythmus, die Toten nach ihrem. Wie muß das sein, ein Leben ohne Schlaf? Darf ich so fragen? Und wenn schon: es soll nicht mein Problem sein. War es doch noch nie. Sei ehrlich! 


Diese r Beitrag wurde geändert 3 Wochen zuvor 4 times von W.Himmelbauer

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