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Die Makellosigkeit des Don Juan Matus  

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(@w-himmelbauer)
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08/11/2014 5:18 pm  

Die Makellosigkeit des Don Juan Matus

Er ist die Referenzperson. Ein täglicher Begleiter. Ja, ein täglicher Begleiter. Als solcher steht er natürlich in der Versuchung, verdrängt zu werden. Oder sagen wir besser: ignoriert zu werden. Aus gutem Grund ignoriert. Don Juan Matus, der Nagual aus Sonora, etwa 1973 von dieser Welt gegangen, im mexikanischen Zentralbergland. Eine geradezu mythologische Gestalt. Ein Zauberer (was auch immer das dem unverständigen, intellektuell-aufgeklärten Schnellschießer bedeuten mag). Ein Mann der Jenseitigkeit. Ein Mann, der, so in Castanedas famosem Werk glaubhaft und beredt (ja, glaubhaft und beredt) nachzulesen, mit seinen Mitstreiterinnen und Freunden am Ende seines Lebens freiwillig und gekonnt fortging, in eine höhere Dimension, die er die „dritte Aufmerksamkeit“ nannte. Ein Yaqui-Indio. Eine durch und duch geheimnisvolle Gestalt, die in das Leben des Carlos Castaneda wie ein Blitzstrahl einschlug. Ein Mensch, ein Nagual, der, soweit dies verständlich klingt, eine messianische Mission auf sich nahm.

Das Wort „Messias“ meint „der Gesalbte, der von Gott Gesalbte“. Er ist der „Heilsbringer“. Er bringt göttliches Heil. Das war durch und durch mißverständlich, als es soweit war, denn die Juden Israels erwarteten sich zuerst politische Freiheit, Freiheit von den Römern. Sie erwarteten sich einen göttlichen Handstreich, eine Außer-Kraft-Setzung der militärischen Realität. Man könnte auch sagen, der Realität des Bösen, denn Rom stand im Bewußtsein der Juden für das barbarische, glaubenslose Bewußtsein eines Usurpators. Aber der Nazaräner war nicht militant. Er paktierte nicht mit den „Messerstechern“, den Sikariern, den Zeloten. Er war der Friede in Person schlechthin. Er redete den Leuten ins Gewissen, aber wie. Und er zeigte den Damaligen den wahren Gott. Den Gott mit menschlichem Antlitz. Und nicht nur den Damaligen. Auch noch uns, uns, den 2000 Jahre Entfernten, leider, leider, möchte man sagen. Leider waren wir damals nicht dabei. Wir hätten uns mit eigenen Augen davon überzeugen können, was damals dort, in Galileia und Judäa, vor sich ging. Seine Taten, seine Worte. Wir hätten ihn sehen können. Wie hat er ausgesehen, der Nazaräner? War er klein oder groß? War sein Haar gekämmt oder war er zerlumpt? Hatte er blonde Augen oder schwarze? War er ein vorzeigbarer Hollywood-Typ oder war er ein Underdog, einer, der insgeheim Bomben warf oder der einen Sprengstoffgürtel unter dem Übergewand trug, vor dem man sich fürchten mußte? War er vielleicht ein Jihadist, der keine Sekunde zögert, sich selbst in die Luft zu sprengen und dergestalt seine Umgebung mit in den Tod zu ziehen? Wir driften fort von diesen ominösen drei Jahren, diesen plus minus drei Jahren, bevor sie ihn mit der Kreuzigung mundtot machten. Wir driften fort, und mit jedem Jahr mehr des Fortdriftens in dieses Meer des fortschrittsgläubigen Schreckens wird unser Glaube umso mehr beansprucht. Ja, das ist es, was uns unter den Nägeln brennt, dieses Fortdriften vom Ursprungsereignis, nach welchem sich unser abendländischer Kalender bis heute orientiert, das Fortdriften in eine Stille, in der, wie wir meinen, die Stimme des Heilands verhallen muß. Wie will er denn sein Wort aufrecht erhalten, in diesem Meer des Schreckens, in diesem Meer der Heillosigkeit? In diesem gorgonischen Meer, in dem die Gorgonen jeden Moment ihr Haupt aus den Fluten erheben können, so wie Medusa, und alles mit ihrem Blick lähmen werden? Ja, der lähmende Blick. Der Blick der Starre, der Blick des Hasses, der Blick des Mordens, der Blick purer Zynik. Der Blick der Gottlosigkeit.

Zeitlebens hat mir, dem kleinen Max, nichts mehr zu schaffen gemacht als der Blick der Gottlosigkeit in meinem Gegenüber. Und das ist die Wahrheit. Sie haben nicht nur nie über Gott gesprochen, nein, viel schlimmer, sie haben mir zu verstehen gegeben, daß Gott für sie nicht existiert, und dementsprechend haben sie sich verhalten. So wie die Schlächter im Kolosseum; oder so wie die Stierschlächter in Spanien, diese hochdekorierten, zu Gecks verkleideten Mordbuben. Die spanische Stierkampfarena, das ist der moderne Mensch, - Tiergesetze hin oder her. Wen kümmert’s? Mit jedem Jahr mehr verbrennt sich die Sonne immer mehr. Irgendwann wird sie in einer Nova explodieren, trompeten sie uns ins Ohr, dann, wenn das Gestirn uns, den Planeten, bereits lange zuvor verschluckt haben wird. In ferner Zukunft.

Da lebte also ein Mann, ein Indio, aus der Wüste von Sonora. Er pendelte zwischen Arizona und Sonora. Keiner wußte, wer er war. Er muß um die 70 gewesen sein, und er hatte schneeweißes Haar. Doch vieles an ihm war höchst irritierend. Höchst irritierend. Sein Blick, seine Jugendlichkeit, die Unvorhersagbarkeit seines Verhaltens. Niemand konnte sagen, wer er war, und schon gar nicht, wie er war. Castanedas Begleiter, der die beiden zusammenführt, hatte von ihm bereits gesprochen. Der Unsympathler schlechthin. Der, der ihn unwirsch zusammengestaucht hatte. „Quassle nicht soviel Unsinn! Spar dir vielmehr deine Energie! Du wirst sie noch brauchen!“ Für den Todeskampf. Der Nagual sah den bevorstehenden Tod der Menschen, die seinen Weg kreuzten. Jener Menschen, deren Tod sich vorbereitete, indem er sich wie eine drohende, dunkle Gestalt über ihrer linken Seite erhob. Das ist doch wohl nicht jedermanns Perspektive. Damit fing es an, in der Bushaltestelle von Nogales, auf amerikanischer Seite. Ein elementares Ereignis, geschichtlich bedeutend. Wer Ohren hat, der höre, wer Geist hat, der sehe. Natürlich, für die allermeisten ist das nicht von Belang, doch an diese wende ich mich heute nicht. Noch nicht. Wir stecken heute das Feld ab, das Feld zwischen Lüge und Wahrheit.

Wir leben heute in einer Zeit des nie dagewesenen Relativismus. Benedikt XVI. hat gerade das schlaflose Nächte bereitet, dieser Relativismus. Der Pole, Benedikts Vorgänger, nannte es anders: Eine Kultur des Todes. Eine weltumspannende Kultur des Todes. Dieser Ausspruch gefällt mir besser, weil er das Phänomen des Mordens direkt anspricht. „Phänomen“ ist hier eigentlich deplaziert, ja Hohn. Ich sage es so, wie ich es gelernt habe: Die Todsünde des Mordens. Doch auch der Relativismus wird uns im Handumdrehen das Genick brechen, wenn wir so weitermachen. Jede Disjunktion, so sagt der Relativismus, ist relativ. Gut und Böse, Leben und Tod, Zufall und Notwendigkeit, Gesundheit und Krankheit. All diese Disjunktionen zählen im Grunde nicht, sagen sie.

Die Konsequenz: Alles ist erlaubt. Wie sagte doch Barrack Obama so treffend: „Zur ISIS haben wir noch keine Strategie entwickelt.“ Zu dieser siebenköpfigen Hydra hat die Militärmacht Nummer Eins noch keine Strategie entwickelt, denn sie führt den Herren der CIA das eigene Gesicht vor, das Gesicht des Bösen. Die Gorgone erhebt ihr Haupt, und alle der sozialen und beruflichen Hoffnung Beraubten strömen ihr zu, aus 80 Ländern. 15-Jährige inbegriffen. Und die Gorgone nimmt ihnen als erstes die Angst vor dem Sterben. Im Gegenteil: Als erstes gibt sie den Verführten eine Orientierung, einen Sinn. Den Sinn, wofür zu sterben. Etwas, das im Westen verleugnet wird. Denn Sinn ist im Zeitalter des Relativismus ein Unding. Im Zeitalter des „blinden Zufalls“ ist Sinn ein Unding, eine Unperson. „Sinnerfülltes Leben“ ist in unseren barbarischen Zeiten ein Synonym für Egoismus, politisch diskredidierten Egoismus. Die Priester sind Egoisten, sagen sie. Die Nonnen sind Egoisten. Deren Leben biologisch wertlos, sagen sie. Denn sie pflanzen sich nicht fort. Und diese Schwarzkittler verbreiten Lügen, Illusionen, Opium. All diese Kirchenleute sind Drogenhändler. Sagen sie. Und jetzt kommt ISIS. Islamischer Fundamentalismus. Schon seit Jahrzehnten treffen sie Uncle Sam auf dem falschen Fuß an, und mit ihm The British Empire.

Der Nagual Juan Matus sieht den schwarzen Schatten, wie er sich erhebt. Er ist ein Seher. Doch wir machen weiter wie bisher. Wir rauchen weiter Marlborough, denn das ist cool. Rauchen bis zum Tod. Amen. Sich zu Tode Rauchen ist eine Option.
Wir sind mitten im Dritten Weltkrieg, sagt Papst Franziskus. Die Wirtschaft bringt uns alle um. Welches Wort braucht es noch mehr? „Weltkrieg“. Wir verzeichnen ein alarmierendes, schrecckenerregendes Hochspringen der Selbstmordquote. Ein fürchterliches Hochspringen. Suizid. Depression. Allgemeiner Krieg. Doch die bezahlten Kalmierer, die Statistiker, halten dagegen. "Die aktuellen Selbstmordzahlen sind statistisch nicht signifikant." So reden sie tatsächlich.

Der Nagual sagt, die Menschheit steht auf dem Spiel. Die Menschheit steht in Frage. Er verwendet nicht den Begriff „Spiel“. Für ihn existiert Spiel nicht mehr. Er ist kein Kind mehr. Er ist 70, ein Seher. Er sieht den Tod. Er sagt, wenn wir, wir alle, weiterhin so tun, als würden wir ewig leben, ist das unser aller Untergang. Er sagt es noch viel drastischer zu seinem Schüler. Unser Leben kann in jeder Sekunde enden, ohne Vorwarnung.

Sehen Sie? Hier wurzelt die Lüge. Das ist der Ort, wo die Lüge einwurzelt. In der Ignoranz dieser energetischen Grundwahrheit. Die Ignoranz bäumt sich wie eine Hydra auf und gebiert die Lüge. Mit dieser Lüge fängt alles an.

Er erklärt es ihm anschaulich. Dein Leben kann jederzeit enden, ohne Vorwarnung. Jede deiner Handlungen kann deine letze sein. Es bleibt dir also nichts anderes übrig, als jede deiner Handlungen so makellos als möglich auszuführen, selbst das Zubinden deiner Schnürsenkel. Alles kann dein Ende bedeuten. Du hilfst deinem ehrwürdigen, 85-Jahre alten Professor in den Mantel. Dann brichst Du tot zusammen. Dein Kind zeigt Dir ein LEGO-Kunstwerk, doch du hängst über dem Computer. Das Kind grüßt Dich, doch du arbeitest stur weiter, wendest nicht den Blick. Du gehst durch die Strassen, doch du bist nicht bei dir. Es kann jederzeit enden, so wie bei den Formel-1-Fahrern, diesen Verirrten, oder dem Tiroler Bau-Sicherheitsbeauftragten im niederösterreichischen Bahntunnel. Der Bagger fährt rückwärts. Tod.

Der Tod kann uns jede Sekunde ereilen.

Ja und?, wirft jemand ein. Was soll’s? Wieso soll das mein Problem sein? Ich habe das nicht eingerichtet. Mein Tod ist nicht mein Problem, siehe ISIS. Siehe die Tschetschenen. Sprengen sich in Moskau in die Luft. Mein Tod ist nicht mein Problem, mein Leben, im Grunde genommen, auch nicht. Das alles habe ich mir nicht selbst eingebrockt. Das hat ein anderer für mich getan. Was also soll der Spaß, wenn nicht ich mir nicht selbst auch den nötigen Spaß gönne, denn Spaß gehört zum Leben, anders hält man es doch nicht aus, nicht wahr, Partner? Und was soll diese Rede von Makellosigkeit? Was bilden Sie sich denn eigentlich ein, wenn Sie diesen obszönen Begriff der „Makellosigkeit“ in den Mund nehmen? Wer ist schon makellos, und vor allem, wenn ich’s recht überlege, für wen? Einen Makel aufweisen, ja warum nicht? Ja, noch mehr: Warum überhaupt dieses schale Gerede? Nichts als Gerede. Wo steht das geschrieben, daß man makellos sein sollte? Sterbe ich etwa deshalb anders? Ändert das auch nur das Geringste an meinem Tod? Sie wollen mir doch nicht etwa einreden, daß es nicht unerheblich ist, wie man stirbt? Was soll das? Mit dem Tod ist es aus, merken Sie sich das, Herr Nachbar. Im Grunde genommen ist es sogar unerheblich, ob ich als Selbstmörder, als Mörder oder als zahnloser, seniler Pensionist sterbe. Nicht mein Problem. Oder etwa nicht? Beweisen Sie mir das Gegenteil!

Das ist die Rede. Viele Fragen. Doch die eigentliche Frage dabei: Wer redet hier? Wer redet hier wirklich? Sind es wirklich wir, die hier reden?

Die Frau des Hiob aus dem gleichnamigen Buch des Alten Testamentes bringt es auf den Punkt, diese Rede, diesen Anwurf. „Was willst Du noch?", schilt sie ihren halbverrückten, vom Aussatz übersäten Mann im Staub. "Fluche Gott und stirb!“
Was für eine Rede… „Fluche Gott und stirb“. Ich kenne keine fürchterlichere Rede. Die Rede der Trostlosigkeit. Das einzig Trostvolle in dieser Willenserklärung einer Ehefrau: Offenkundig ihr Glaube an die unendliche Stille des Todes. Das glaubt die Frau des Hiob. Und gleichwohl auch hier die Frage: Wer redet hier?

Aber der Nagual Juan Matus, ein Heilsbringer des EINEN und WAHREN, will mit der makellosen letzten Tat auf etwas Anderes hinaus. Er will auf die Würde der menschlichen Person als einer Emanation der Unendlichkeit hinaus. Wir Menschen, so sagt er, so sieht er es, sind eine Emanation Gottes. Wir sind Navigatoren im unendlichen Meer des Bewußtseins. Im dunklen Meer des Bewußtseins. Wir sind erfüllt von Dunkelheit. Die Astronomen heute, in diesem Jahr 2014, haben sich zu einer neuen Erkenntnis durchgerungen. Das Weltall besteht zu 97% aus dunkler Materie und dunkler Energie. Über beides kann nichts gesagt werden. Die restlichen 3% sind meßbar.

Dunkelheit. Wir kommen aus der Dunkelheit, tragen die Dunkelheit in uns und gehen in die Dunkelheit zurück. Sagt Juan Matus. Deshalb Makellosigkeit. Die einzige und wahre Aufgabe des Menschen. Stets das Beste zu geben und noch ein bißchen mehr. Stets. Schon ein kurzer Blick auf diese Forderung sagt mir, dem werde ich mich nicht entziehen können. Und dieser Forderung will ich mich nicht entziehen. Oder wie Matthäus in Kapitel 5, Vers 48 das Wort des Herrn überliefert: „Seid also vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.“ Danke. Amen.


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