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Die vom anderen Ufer  

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(@w-himmelbauer)
Mitglied Admin
Beigetreten: 16 Jahren zuvor
Beiträge: 322
15/09/2006 3:51 pm  

Von der Boa Negra sagt man, ihre oelige Haut breche das Licht in allen Regenbogenfarben, ja sie sei faehig, Sturm und Regenbogen heraufzubeschwoeren.
Unser Bundesstaat Loreto, klassisches Amazonien, ist ein von Regenbogenmenschen bevoelkertes Land, das es allen Besuchern angetan hat. Auch jenen, die "am andern Ufer" leben. Immer wieder kreuzen Menschen unseren Weg, deren Geschlecht auf den ersten Blick nicht bestimmbar ist. Manchmal sind sie als Paare unterwegs, kommen von weit her, steigen in einfachen Herbergen ab, fahren wieder fort. Niemand stoert sich an ihnen, denn hierzulande leben ihre Geschwister.
Vielleicht ist die aeusserliche Geschlechtslosigkeit eine Antwort der Natur selbst auf das Kriegsspiel unter uns Menschen, - von Mann und Frau. Die Geschlechtlichkeit ist doch die fundamentalste Distinktion in der Menschheit, sagt man. Ihr fundamentaler Trieb, der sie bewegt, und sei es hin zu den Schlachtfeldern jedweder Praegung. Auch die Doppelgeschlechtlichkeit nimmt zu.

Diese Menschen bewegen sich auf schamanistischem Grund. Die Geschlechtsveraenderung gehoert zum Schatz der Ueberlieferungen in jenen Laendern, wo der authentische Schamanismus beheimatet ist, in Sibirien und im hohen Norden. Geschlechtsveraenderung in beide Richtungen, auch von den Medizinfrauen, den Meisterinnen unter ihnen, beherrscht. Die Medizin der Muschel.

Der Wunsch anders zu sein, der eigenem Gesetz folgt, eigenem Willen. Wie schmerzvoll muss der Prozess sein, bis es soweit ist. Oft unter Traenen. Wo treffen wir wahre Liebe? Diese Frage stellt sich bereits das Kind, das mehr als andere imstande ist, zu unterscheiden, wer liebesfaehig ist und wer nicht. Die wahre Liebe, so macht es dem Aussenstehenden den Anschein, treffen manche erst in der Perversion.

Doch was ist pervers? Tatsaechlich relativiert sich dieser Begriff, greift man den Bogen menschlicher Moeglichkeiten auf. Niemand, die deswegen vielleicht einen heiligen Krieg von Kirchenkanzeln herab anzetteln, stoert sich an der Existenz phallischer Interkontinentalraketen, aber sie sagen, es sei Suende.
Sie reden niemals vom Selbstmord, in der Kirche, denn das ist ein zu heisses Thema. Aber im Bogen menschlicher Moeglichkeit. Wenn Cesar Hildebrandt in unserem Forum den Titel seines Beitrags "Das Recht nicht zu sein" nannte, dann zielt er genau auf die Sprachlosigkeit, die eine solche Tat hinterlaesst. Er sagt es selbst.
Sprachlosigkeit zutiefst hinterlaesst das Zeuge-Sein einer Kinderschaendung, fuer die viele Kastration oder sogar die Todesstrafe einfordern. Aber sie ist menschlich. Nur ihre Gruende liegen im tiefen Dunkeln. Sie liegen im schwarzen Vakuum unserer Existenz. Einmal den Raumanzug ausziehen, zerplatzen wir im All. Alleine beim Versuch. Wir stehen unter Druck und sind von Anfang an auf Gegendruck konzipiert.

In unserer Verzweiflung versuchen wir, unsere Identitaet, unsere Haut abzustreifen. Wir kratzen uns im Lesesaal geistesabwesend den Handruecken wund, die Mueckenstiche blutig. Wir kaufen die Haut einer Boa, betrachten aufgespiesste Schmetterlinge im zoologischen Handkasten. Eines Tages steigen wir in den Pendlerzug, doch kommen nicht in der Arbeit an. Die Polizei greift uns in einer fernen Stadt auf, wir wissen nicht zu antworten. Wochen voelligen Schweigens.
In unserer Verzweiflung versuchen wir uns zu verpuppen, dicht und schmerzunempfindlich wollen wir sein. Wir moegen Vampirfilme. Das Sterben hinter sich bringen und doch leben. Wir zerquetschen Fliegen und Ameisen, Muecken und Spinnen. Wir wissen, im Inneren unseres Kokons sind wir unvergleichliche Schmetterlinge, doch wie wir es anstellen, dieses Wunder zu befreien und fliegen zu lassen, dann, wenn es Zeit ist, das wissen wir nicht. "Buffalo Bill", der Serienmoerder im "Schweigen der Laemmer", naeht sich ein Kleid aus Frauenhaut. In der verstoerenden Szene in seinem Keller, wir erinnern uns, ergeht er sich in seinem Manierismus, dem von der Videokamera gefilmeten Versuch, einen Tanz als Frau darzubieten. "Doch dieser Versuch", sagt Hannibal Lecter zu Agent Starling alias Jodie Foster, "dieser Versuch ist nur eine Verkleidung, ein Spiel oberhalb einer viel maechtigeren Triebkraft, der der Bestialitaet." Das sagt, wohlgemerkt, ein Mensch, ein Kannibale. Er glaubt nicht an Wunder, nicht an Ausweitung. Er glaubt an Komprimierung, an Kernfusion, an Kernreaktion. An den barbarischen Akt ohne Reue, begleitet vom Klang einer Bach-Prelude.

Wie sich erheben?
"Ich ass 7 Tage lang nichts, trank nichts und schlief auch nicht. Ich dachte nur an Gott. Dann konnte ich fliegen." Das sagt ein Mann, der, wohlgemerkt, als 19-Jaehriger bei Kannibalen lebte und mit ihnen in den Kampf zog.


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