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"Gottesvergiftung"


(@w-himmelbauer)
Member Admin
Joined: 17 years ago
Posts: 357
Topic starter  

Die im Volksmund und in der romantisierten Aufklaerung so genannten "Seelenforscher", die mit der Couch arbeiten - also selbst auf ihr gelegen sind -, sind alle irgendwann auf den abwesenden Vater gestossen. Nicht nur viele professionelle Schachspieler - erst recht Weltmeister - sind ohne Vater aufgewachsen. Auch unter den Seelenforschern lassen sich einige finden. Tilman Moser zum Beispiel. Er ging durch seine "Lehrjahre auf der Couch", aber das letzte Tabu (tatsaechlich das letzte?) glitt ihm durch die Finger. Als er sich dessen gewahr wurde, kam der Zorn in ihm hoch und er setzte zu einem Kahlschlag an. Der, den seine Mutter in Abwesenheit seines Vaters geliebt hatte, war ein unsichtbarer. Die Inbrunst der in der Sonntagsmesse singenden Mutter war dem Kind unverstaendlich. Wen betete sie da an? Der Vater tauchte spaeter wieder auf, ein Invalide auf Kruecken, zeitlebens nicht imstande, den Sohn zu fuehren.

In Deutschland leben wir in einem Drama (Oesterreich ist nicht viel anders). Die Vaeter sind fort. "Vaterlose Gesellschaft", sagte Alexander Mitscherlich. Das Unterhaltsrecht, das ihnen die Kinder entzieht, bringt die Vaeter, die einsamen, beinahe um. Horden von Kindern wachsen ohne Vaeter heran, und nie mehr kehren sie zurueck, die Vaeter, auch nicht stellvertretend, in den Schulen, als guetige Lehrer, und nicht einmal in den Universitaeten, den vermassten, wo man etwas mehr Intelligenz erwarten duerfte, als Mentor. In den Schulen - eine einzige Thyrannei und Neurose. Immer noch. Schon lange sind uns die Jugendlichen entglitten. Aber sie haben uns lange genug Zeichen gesetzt. Was wir heute erleben, ist eine absolute Ratlosigkeit, und je laenger sie dauert, umso mehr macht sie der Feindseligkeit Platz. Wir haben keine Werte mehr, und damit keine Richtung. Wir wissen nicht, wie wir die Kinder erziehen sollen und wofuer. Wir wissen nicht einmal mehr, wofuer es Bildung geben soll, wo es doch keine Arbeit gibt. Was wir erleben, ist eine einzige Diktatur des Geldes, die sich ueber jede Loyalitaet, jeden Wert hinwegsetzt. Ueber nacht kann man gekuendigt werden und nie mehr zurueckfinden. Wir werden zu einem einzigen Massenstaat von Vereinsamten, die nach und nach verbiestern. Wir bunkern uns in unseren Eigenheimen ein, wo wir pervertieren, den Nachbarn vermeintlich im Genick. Irgendwann wird es zum Ausbruch kommen.

Der schreiende Menschenhasser, der Kranke aus Braunau, zog die Jugend mit in den Orkus. Zehntausende verbluteten im "Volkssturm" der letzten Tage. Zehntausende Jugendliche. Sie hatten schon keine Vaeter mehr, und die wenigen, die ueberlebten, wie haetten sie souveraene Vaeter werden koennen?
Heute, lange nachdem die Saat der Sieger aufgegangen ist, ist der Schrecken immer noch nicht von uns gewichen. Die Sieger fallen vor unserer Haustuere ein (in Jugoslawien) und drueben in Mesopotamien. Sie schiessen mit Uranprojektilen. Zuhause, bei ihnen, hat das Recht aufgehoert, und ist der Agumentation des Geldes gewichen, - einer Killerargumentation. Eine Frau trocknet ihren gewaschenen Kater im Waeschetrockner und verlangt Millionen fuer ihren geroesteten Liebling. Die Justiz gibt ihr recht. Der Firmenchef, rasend in seiner Chefetage, feuert daraufhin den Werbechef, doch der strampelt rechtzeitig, ein paar kleine Lichter weiter unten im Kundenservice muessen dafuer dran glauben. Vernichtete Existenzen.

Die Kirche, die zum Segnen eingesetzt wird, ob Panzer, Feuerwehr, Rettungsautos oder Kriegerdenkmal ist einerlei, hat ein vordringliches Interesse, ihre Position legal einzuzementieren. In Oesterreich gibt ihr das Gesetz das Recht, Kirchensteuersaeumige zu exekutieren, und das tut sie systematisch mit Hilfe der Krankenkasse. Die Kirche heute hat ein Problem, ein selbstgezimmertes, weil Bonvivants (blutleere wie auch Sanguiniker) an nationalen Schluesselstellen sitzen, Sekretaere mit schweren Kreuzen vor dem Talar und geregelten Essenszeiten. Maennern, denen die Liebe abgeht und die sie sich somit anderswo holen. Die Rechtfertigung der Macht basiert immer auf Superioritaet, entweder der der Waffen oder der des Geldes, mit einem Wort, es ist das Argument der potentiellen Vernichtung. Politisch. Spirituell ist es ebenfalls Vernichtung. Zuerst der Ausschluss, die Exkommunikation, der Ausschluss aus der Gemeinschaft, das Lehrverbot, sprich, das Redeverbot, und schlussendlich ist es der Heilsausschluss. "Ausserhalb der Kirche kein Heil. Bedenken Sie, was Sie tun. Kein Geistlicher wird ihren Sarg weihen. Ihre Kinder werden nicht mit den anderen die Erstkommunion feiern koennen."
Doch die Vergiftung, von der Tilman Moser spricht, ist die des stummen Gottes, der uns leitet, indem er uns verkruemmt, weil er eine andere Liebe fordert als die menschliche, irdische. Moser nennt es Vergiftung, weil sie uns deformiert, vom wahren Menschsein, von der menschlichen Solidaritaet entfernt. Wir verlieren die Lebensfreude, das Geheimnis, die Unschuld. Wir treten ein in ein masochistisches Leidenstal, das Leiden wird alles bestimmend und erhaelt somit einen Freibrief. So wie sie damals die Juden, geistig Behinderten, Sintis und Romas aussonderten - Kinder wie Erwachsene -, so leben wir heute bereits wieder in totalitaeren Verhaeltnissen, in Zustaenden der Entrechtung. Den Bischof von El Salvador, Kardinal Romero, erschossen sie mitten in der Messe. Dieser Tage jaehrt sich sein Gedenken. Er war ein Bischof der Armen, ein Bauernopfer. Denn die Paramilitaers, die es taten, bezogen ihre Waffen aus dem Norden, und erst jetzt wird es offiziell statthaft, seiner oeffentlich zu gedenken. Die Politik des Statthaften.

Christus, unser Freund, war in nichts statthaft. Ein Wuestenprediger, verstaubt und verschwitzt. Sicher nicht der manikuerte, gekaemmte, bartgestutzte, blauaeugige Moechtegern-Weisshaeutige. Nicht der akademische, redegewandte Hippie-Gringo, wie er uns heute millionenfach von den Waenden entgegensalbt, Dogmatik im Sinn. Er sprach Aramaeisch.
Er hatte maechtige Feinde und schritt ihnen schlussendlich entgegen. Vorher saeuberte er den Tempelvorhof von den Geschaeftemachern. Den Geldwechslern, Tauben-, Ziegen- und Weihrauchverkaeufern. Das bitte, wie oft soll man es noch sagen, sei den Heutigen in den Wallfahrtsorten ins Stammbuch geschrieben. Irgendwer, meine Freunde, hat hier Dreck am Stecken, und ihr, liebe Schacherer, koennt froh sein, dass euch die Waelle der Erstarrung, der Gewohnheit, schuetzen. "Jeder muss von etwas leben", sagt ihr. Recht habt ihr. Die latente Gewalt des "Rechtssystems". Denn heute, soviel ist wohl klar, gibt es keinen Christus, der durch die Strassen oder gar Tempelvorhoefe zieht. Es gibt ein paar, die werden ob dieser Einsamkeit irr. Manchmal stehen sie an den Ecken und halten Reden, andere schlagen sich die Stirn auf den Trottoirs der Einkaufsstrassen blutig, sie schreien, aber alle wenden die Koepfe ab. Schlussendlich landen sie in der Psychiatrie, auch dort der gekaemmte, bartgestutzte, gewaschene Hippie-Gringo an der Wand, unerreichbar fuer die Hand des mit Medikamenten mundtot gemachten Sabbernden. Es sind mehr als man glaubt.

Der Christus, an den ich glaube, ich sehe ihn vor mir. Keiner wird ihn mir nehmen koennen. Er hat gelebt und ist gestorben, ein Mensch zu seiner Zeit. So bin ich ihm gleich. Doch er, der Heiland, ist auferstanden. Er heilt.


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