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Heiligabend 2020
 
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Heiligabend 2020


(@w-himmelbauer)
Mitglied Admin
Beigetreten: Vor 17 Jahren
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Themenstarter  

Heiligabend 2020

"There is a crack in everything" (Leonard Cohen)

Die Zeit ist aus den Fugen, so scheint es. Praktisch niemand aus meinem näheren oder ferneren Bekannten- und Freundeskreis möchte von sich behaupten, er verlebe gegenwärtig eine unbeschwerte Zeit. Das Virus zieht vielen den Nerv. Totalitarismen regen ihr Haupt und tauchen wie Untote aus den Erdschollen brachliegender Felder empor. Der strafende Blick, das giftige Wort. Da und dort Erstaunen, doch immer auch Angst. Nur meine Saufkumpane auf den Bahnhöfen geben sich gesellig wie immer. Die Bahnhöfe Österreichs: sie sind auch nicht mehr wie früher. Und überall rasen die Züge mit Hochgeschwindigkeit durch. Kinetische Energie, die alles vibrieren läßt. Glorreiche Zeit der Siebziger, wo bist du geblieben? Orient-Expreß, wo bist du geblieben?

Wahrhaftig, alles ist verändert. Kein Stein auf dem anderen. Fundamentale Wahrheiten müssen neu erkämpft werden, Kälte besiegt, Vertrauen neu errungen. Die Ratlosigkeit steht vorerst allen ins Gesicht geschrieben. Nichts geht mehr. Das Heer der Pensionisten stimmt einen Klageruf an: "Der Tod macht uns alles öd. Sieht es denn niemand, wie alles wertlos wird?" Fürwahr, in dieser kalten, dunklen, europäischen Zeit möchten sich viele nur in ihr Bett verkriechen und von nichts mehr hören. Der Aufschrei ist nicht mehr zu unterdrücken. Die Witwen weinen. Überall sind die Männer fortgestorben. Hinwegggeheigt, wie sie am Land sagen. Das Virus verbricht einen Kahlschlag sondergleichen. Niemand will davon berichten. Alle stellen sich die gleiche Frage: Wie soll dies weitergehen? Und alle tauchen bei der Suche nach Antworten in ihr persönliches Meer ab. In ihre ganz persönliche Dunkelheit, die zum ersten Mal bewußt durchkreuzt werden will. Dieses Virus, eines von unzähligen, hat tatsächlich den peripheren Stillstand zuwege gebracht. Alle sinken vor Müdigkeit nieder. Und manche sterben. Und manche werden exekutiert, so wie in den USA, diesem durch und durch katastrophalen, heillosen Staat. Ja, manche sterben, bekannte wie unbekannte Leute. Die Mehrheit unbekannt. Auf Lesbos drohender Erfrierungstod. Kleinkinder von Ratten angenagt. Niemand will darüber sprechen. Wir haben ja selbst genügend Sorgen. Ja, welche Sorgen nur? Immerhin eine ganze Menge, möchte ich ehrlich gestehen. Die Unheimlichkeit des Seins; die allgemeine Dummheit; die Verblendung; der schleichende Lebensüberdruß; die Einsamkeit; das allgemeine Sklaventum; die allgemeinen Verbrechen an der Natur; das schreiende Unrecht; die Geldgier. Und so weiter, und so fort...

Doch es gibt Lichtblicke, und deren sogar nicht wenige. Da gibt es Menschen, die mir wie vom Lieben Gott geschickt vorkommen. Ein junger Mann bietet sich an, mir beim Aussteigen aus dem Zug in Wien Meidling behilflich zu sein. Als ich seine Geste mit leichtem Erstaunen ablehne, läßt er immer noch nicht locker: "Ein Herkules!" Ich gaffe ihm unverhohlen nach und wünsche ihm mit lauter Stimme Gottes Segen. Ihn freut's, doch er will sich nichts anmerken lassen. Niemand in den öffentlichen Verkehrsmitteln raunzt, als ich zur Botschaft losstrample. Die Jenseitigkeit der Zeit ist mit Händen zu greifen. In St.Pöltens Bahnhofshalle kommentiert die junge Verkäuferin beim Überreichen meiner ersten heißen Leberkäsesemmel seit Jahren keck: "Der nette Herr bekommt Rabatt, weil er mit dem Käseleberkäsescherzerl sein Auslangen findet." Augenblicklich finde ich mich im Ausnahmezustand. Zwei abgefledderte Kumpane machen mir mit genialer Lockerheit Platz, als ich mich neben sie setzen möchte. So also sehen Engel aus, denke ich unwillkürlich. In Österreich steht die Zeit still, alles gleitet schleichend ins Jenseits hinüber. Wer weiß, ob es heuer überhaupt Weihnachten geben wird? Und wer weiß, ob es in Europa nicht gar einen Tag geben wird, an dem keine Sonne aufgeht? Möglich ist ja alles, auch wenn es in Peru ganz anders aussieht, anders im Sinne von 37.000 Toten, über die sich niemand beschwert, denn die Menschen haben andere Sorgen als dieses Virus, dessen ja sowieso mittlerweile bereits alle überdrüssig sind. Wer trägt noch Masken in Iquitos? Am Markt vielleicht. Ansonsten nicht mehr. Trotz der subtilen Form hat sich überall Verdruß breit gemacht. Und im Hinterland, sei es in den Anden oder im Dschungel, will von dieser Pandemie eigentlich ja niemand mehr etwas wissen. Wozu auch? Weshalb sich sorgen? Wovor sich fürchten? Die Blitze, die nächtens einschlagen, sind da viel konkreter. Die Donner, die ganze Dächer zum Beben bringen, erst recht. Doch die Kinder schlafen wie die Engel, und so auch die Hühner im Hühnerhaus. Und die Schildköten in ihrem Teich kümmert das bißchen Naß mehr doch keinen Deut, und die Landschildkröten sitzen in ihren Verstecken, in den selbstgegrabenen Höhlen, und keiner sieht ihnen an, was sie denken, diesen eigensinnigen Kerlen und Bräuten in ihrer zumeist stoischen Ruhe. Vorbilder noch und nöcher. Friede inmitten von Getöse.

Eine Dame, verdienstvolle Mitarbeiterin der Caritas, ruft mich um halb Fünf in der Früh an, nicht zum ersten Mal, doch diesmal doch überraschend. Ich muß mich erst zurechtfinden in meiner Tiefschlafphase. "Lieber Herr H.", beginnt sie das Gespräch wie unter Hochdruck, "stellen Sie sich vor, heute früh, direkt nach dem Aufwachen, hab ich verstanden, was das Eigentümliche war zwischen mir und meinem verstorbenen Mann: Wir haben immer um das letzte Wort gestritten, direkt oder indirekt. Ich habe ihn geschulmeistert, in meiner brachliegenden Angst, ihn beim geringsten Anlaß zu verlieren. Ich habe es immer gespürt, er fühlte sich von Grund auf unverstanden, erst recht von mir, doch ich habe nie die Courage aufgebracht, ihn deshalb zu hinterfragen. Er war schüchtern und von Minderwertigkeitskomplexen geplagt. Ein Mann intensiver Empfindungen. Zerrissen von seinen eigenen Impulsen, die er nie auslebte, und der Überzeugung, die Menschen wären alle nur zänkisch, hinterhältig und auf Versklavung bedacht. Niemand kannte sich aus bei ihm. Doch heute, nach Jahren, bekomme ich ein Gefühl, was ihn wirklich bewegte. Heute, nach Jahren. Er wollte sich nie mitteilen. Er mißtraute mir, weil er meinte, ich wolle ihn nicht verstehen. Nicht, daß ich ihn nicht verstehen hätte können, nein, das meinte er ja gar nicht. Er war tatsächlich der Ansicht, ich wolle ihn nicht verstehen, und zwar deshalb, weil er meinte, ich wäre im Grunde, im Inneren, genauso böse wie alle anderen Fuchteln seiner früheren Biographie, eine Verräterin und Diebin, die ihm seine Lebenskraft stehlen möchte wie eine Schwarze Witwe. Das ist doch allerhand, oder? Und stellen sie sich vor, erst heute, ganz plötzlich, ist mir dies gedämmert. Mir fiel es wie Schuppen von den Augen. Keiner hätte jemals von ihm gesagt, er wäre ein besonders tiefgründiger Denker. Er, der brave Bundesbahner, dem die Hobbies wichtiger waren als sein Beruf. Ich weiß jetzt, er wußte ganz genau um meine Untiefen, meine Launen, mein Unverständnis. Heute. Doch er ließ es sich nicht anmerken. Er spielte den verschrobenen Privatier, der sich auf das Wursten verstand. Das habe ich Ihnen noch nicht erzählt, gell? Keine bessere Wurst als die von seiner Hand. Perfekt geräuchert in seinem Kamin, den er sich in der Tischlerei beim Nachbarn gebastelt hat. Ich habe mich immer gefragt, von wo hat er diesen Fanatismus her? Das Schachspielen daneben war da geradezu nur ein müdes Augenzwinkern. Er, der Schwerhörige. Er, der Schwierige. Von wegen schwierig! Die Schwierige war ich. Und als er merkte, mit mir gibt es kein Fortkommen mehr, ist er gegangen, aus dieser Welt. Es ist zum Wahnsinnig-Werden. Wovon habe ich denn eine Ahnung? Von mir? Ja, von mir schon. Schlimm genug. Doch von ihm hatte ich keine Ahnung. Ich dachte heimlich - das ist mir heute in den Kopf geschossen -, er wäre wie alle Männer in der tiefsten Tiefe seines Gemüts gewalttätig. Man braucht ihn nur reizen, und es bricht aus ihm heraus, und Gnade Gott, ich stehe ihm dann im Weg. Stellen Sie sich vor, das war meine Befürchtung zum Alois. Der Schwerhörige wird zum Gewalttäter. Er räumt mich weg und dann hängt er sich auf. Stellen Sie sich das vor! Das dachte ich insgeheim von meinem Mann, jahrelang, und wollte es mir nicht eingestehen. Ich bin fassungslos! Das wollte ich nur erzählen. Ich brauchte jemanden, dem ich es erzählen kann, einen Mann. Danke, daß Sie mir zuhören." Das Gespräch wird unter Brummen fortgesetzt und dann auf später vertagt. Die Krise verzieht sich wie der Gebirgsnebel am Gratlspitz ober Alpbach. Stunden später findet mich Sankt Josef vor meinem Abendcomputer. Ich surfe und führe mir eine herzerwärmende Dokumentation zu Ramana Maharshi zu Gemüte. David Godmans Kommentare berühren mich inniglich. Kommentare zu "Wer bin ich, was bin ich?" Kaum bin ich nach einer Stunde mit ihr fertig, stoße ich auf indische Sadhgurus im Himalaya. Nackte Gestalten im Tiefschnee bei Minus 20°. Einer bricht aus einer unterirdischen Höhle empor, aus meterhohem Schnee, barfuß, nackt. In dem Moment verstehe ich. Diese Leute hatten ihr Leben lang keinen Sex, oder wenn, dann als Zombies vor hundert Jahren. So schaut's aus. Die Friedfertigen, die hundert Jahre im Berg leben, ganz allein, wie Kaiser Friedrich Barbarossa im Untersberg. Hundert oder tausend Jahre, was macht es schon für einen Unterschied?

 

Carl Spitzweg (1)Austrian Sentinel.JPG

 

 

 

Dieses Thema wurde geändert Vor 3 Monaten 10 mal von W.Himmelbauer

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(@w-himmelbauer)
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Wintersonnenwende

Zu einer Zeit, da die Bären, diese gemächlichen, eigensinnigen, im Geruch des Gemütlichen stehenden Gesellen im allergrößten Gottvertrauen, ohne Angst, einen etwaigen Erfrierungstod zu sterben, ihren alljährlichen Winterschlaf halten, eingeschneit, wie sie sich einschneien haben lassen, an einem Ort, den sie für gut befunden haben (sich einschneien lassen...), ziehen wir auf unseren jeweiligen Erdenteilen unsere Bahnen, bisweilen zwar nur unsere enggekreisten, heimeligen, furchtsam haus- und hofbedachten, doch wir sagen uns: Wenigstens ein bißchen unter Kontrolle. Meine vier Wände habe ich immerhin unter Kontrolle, mein Auto habe ich unter Kontrolle, meinen Kühlschrank habe ich unter Kontrolle und mein Bett auch, glücklicherweise, ja, mein Bett, auf das es mir zuvorderst ankommt, es auch. Zu einer Zeit, da Dunkelheit über der Nordhalbkugel lastet, auf 48° 14' 54'' (Lage des Stephansdoms zu Wien, Emblem dieser Nation neben dem Großglockner) und in den USA sich polare Blizzards mit heftigen Minustemperaturen ankündigen, in dieser vorweihnachtlichen Zeit feiern die Natives der Schildkröteninsel ihr 21-Tage-Ritual der Tiefe der Nacht, der dunklen Nacht, die dunkler nicht mehr sein kann. Das Ritual vom 1. bis zum 21.Dezember ist ein Prozeß der Versenkung, die heiligste Zeit bei den Kiva- und Pueblo-Indios. Versenkung unter Fasten und Gebet, zu Ehren des Vaters aller Dinge, Wakan Tanka. Die 21 Tage sind eine Wanderung ins Stille, Wanderung in die Dunkelheit, die uns eine Ahnung vermittelt vom Verlöschen der Flamme, die in uns brennt. Das Dunkle könnte uns haltlos stimmen, spüren wir, wäre da nicht der Schein einer Kerze, der Schein der Ankunftskerzen, von denen wir bis zu vier zählen. Wir bekommen eine Ahnung - sie rieselt uns über den Rücken - von diesem jahrtausendealten Spruch "Das Licht kam in die Welt, doch die Dunkelheit wollte es nicht sehen (nicht anerkennen, formuliert es die Bibel)". Das Licht kam in die Welt, in eine dunkle Welt. Warum in eine dunkle Welt? Weil eine Welt ohne Hoffnung. Die Hoffnungslosigkeit war die eigentliche Weltverfassung des Altertums. Ein Morden ohne Ende. Eine grauenerregende Welt der Barbarei. Eine durch und durch zynische, grausame Welt. Eine Welt ohne Zukunft. Was für ein Schrecken. Das heißt Dunkelheit. Diese Dunkelheit wollte das Licht nicht anerkennen. Es wollte es nicht sehen. Die Mächte der Dunkelheit trauen dem Licht nicht über den Weg. Die eigentliche Macht der Dunkelheit spricht aus sich heraus, ohne je ein Wort formulieren zu müssen. Sie sagt "Nein". Sie sagt Nein zum Bewußtsein. Erlischt das Bewußtsein, erlischt das Licht. So das Wort der Dunkelheit. Die Dunkelheit steht nicht unter Argumentations- oder Rechtfertigungszwang. Sie kann es sich leisten, stumm zu bleiben. Sie spricht: "Ich war von Anfang an. Ich!" Diese Rede macht uns Angst, denn wir verstehen, was hier spricht. Ja, wir verstehen, was hier spricht. Die Stimme der Dunkelheit, die vorgibt, ewiges Flüstern zu sein. Schrecklich genug in einer Welt, die keine Antworten geben will und noch dazu sich kalt und nochmals kalt gebärdet, wie kalte Hausmauern in imperialen Städten, in denen das einzelne Menschenleben nichts mehr zählt, sofern es überhaupt jemals gezählt hat. In imperialen Städten, in denen wir, die irre Werdenden, mit schreckengezeichnetem Gesicht die kalten Marmorplattenwände entlanggehen, vielleicht noch in der Kraft, den Stein mit unserer Hand zu befühlen, wissend, daß in hunderttausend Jahren all dies nicht mehr sein wird, auch nicht der kälteste Stein. Nicht mehr Stein auf Stein. So wie das Colliseum in Rom. Und so dämmern wir dahin, dämmern fort, Geschlagene allemal, und können nur ausrufen: "Wo ist Hoffnung, wo ist Licht? Wo ist die Macht, die dem Tod Einhalt gebietet? Endgültig Einhalt gebietet, dies noch vor meinem Tod. Erlebe ich das Kommen Christi? Sein Kommen, mit dem der Tod zu seinem endgültigen Ende kommt und seine Geißel von dieser Welt genommen wird? Und nicht nur von dieser Welt. Von diesem All! Von diesem unermeßlichen, schweigenden, in unhörbaren Sphärenklängen dahinvibrierenden Raum. Wann wird es wieder warm? Wann siegt die Sonne?"

Die Sonne des Jenseits, in welchem sie nie untergeht, nennen sie es. ("Dieses nämliche, welche Jenseits...") Die Sonne, die über dem himmlischen Jerusalem leuchtet. Das Licht des Jenseits. Manche, so reden sie, hätten Angst vor diesem Licht. die Gerüche dieser Welt wären ihnen lieber. Sie hängen an dieser Welt und wollen nicht zu Gott. So reden sie. "Geh' ins Licht!", kommandieren sie, so als wäre die himmlische Seele ein feiger Hund, dem sie befehlen könnten. "Laß' los!", befehlen sie. "Laß locker! Du hast nichts zu fürchten." So als ob sie bestens Bescheid wissen, diese unanfechtbaren Sterbebegleiterinnen, die auf gescheiterten Ehen und gestohlenen Töchtern sitzen. Wahrlich, manche suhlen sich in ihrem Feingespür für die Urängste im letzten Moment, in der Todesstunde. Schwarze Witwen eben, die sich sehr wohl bereits mit der Vorstellung befaßt haben, wie es ist, wenn ein bereits kopfloses Spinnenmännchen in den Leib der Witwe ejakuliert, so wie sie sich auch mit den orgiastischen Extremitäten von Schweinsebern befaßt haben. Es ist nichts heilig. Die ultimative Wahrheit ist die Psychofolter, so wie Folter generell. Der Weisheit letzter Schluß, sagen sie überall. Das letzte, was zählt, ist der Schmerz. Zum Schmerz kann man "Ja" oder "Nein" sagen. Sehen wir, wie weit wir mit dieser Distinktion kommen. Und schon wird es lebendig in der Welt der Moral, genauer gesagt, in der Welt der Moraltheologie, und, wohlweislich, in deren Gegenwelten, den Knochenkammern der Inquisition. Und da verstehe ich sehr wohl jene, die sagen, mein Freitod ist meine ultimative Freiheit. So wie es im Katechismus und in dessen abgebildeter Gebetsformel in der Messe heißt: "...der sich aus freiem Willen dem Leiden unterwarf...". Das sind Schmiedehämmer, die niemand auf die Dauer aushält. Folterhämmer auf bronzenen Riesenglocken, eingegossenen, verflüssigten Kanonen aus den Napoleonischen Kriegen. Nein, das Licht des Jenseits ist kein gewöhnliches Licht, so wie es, das Jenseits, auch kein Ort ist, weder räumlich noch zeitlich. Ich sitze da nur Denkfehlern auf, Denkfehlern, die Zwangsvorstellungen sind, Trauervorstellungen, weil ich mich alleine zurückgelassen finde, jetzt erst recht, wo ich mit Haut und Haaren spüren, es wurde absolut nichts zu Lebzeiten ausgeredet, absolut nichts. Und das ist doch wohl das eigentliche Riesendrama. Jawohl, ein Drama. Wie also es besser machen? Ja, wie?

Der Mensch denkt, Gott lenkt. Also bete ich. Abends, nachts. Untertags praktisch nie. Untertags denke ich und knoble, löse Rätsel und schreibe. Damit weiß ich mich auch nicht allein. Untertags geht mir alles leichter von der Hand (fast alles), denn sobald ich mir vergegenwärtige, es gibt da jemanden, der schaut mir über die Schulter oder er schwebt gar über mir, fühle ich mich auch schon berührt. Das genügt ja. Der große Regisseur, der vielleicht träumt und dabei auch mich, uns, träumt. Sei's d'rum. Die Schöpfung ein Traum, was denn noch mehr? So werde ich halt geträumt, im Dunst des Unerklärlichen. Das Sein ist nicht erklärbar. Nähme ich die Position des Zynikers ein, dem alles nur krude Erklärbarkeit von faktisch Vorhandenem bedeutet, wäre ich bereits verloren. Zu meinen, alles wäre erklärbar, ist unser Untergang. Der Untergang der Menschheit, doziert Juan Matús, der Yaqui-Nagual. Ein Donnerschlag, den ich jetzt aber verstehe. Ich verstand ihn schon 1979, aber heute verstehe ich ihn mit den Fasern meines Körpers, da ich spüre, wie mich etwas permanent durchdringt. Die Unendlichkeit, die alles durchwirkt. Die Größe erdrückt mich. Sie räumt mich weg. Das ist meine Angst: die Größe von allem; die Wucht; das Schweigen. Und die Menschen, die verzweifeln. Wien, eine offene Gruft, rief mein Freund Josef damals aus, 1977. Er wußte, wovon er sprach. Die Totenglocken läuten pausenlos. Es ist zum Erschrecken. Mein Schrecken führt mich zurück. Die Panik läßt mich im Galopp denken, erst recht erinnern. Irgendwie beruhigend, denke ich in dieser Panik, genau betrachtet hat mein Erinnern System. Ja, es gab wertvolle Menschen in meinem Leben. Noch mehr als das: Es gab die Liebe meines Lebens, und es gibt sie immer noch. Mit einem Mal sehe ich jene bestimmte Frau wieder und erinnere mich an jedes Detail. Mein Gott, was war das damals für ein Jahr! Ein Mythos verwirklichte sich, und eine meiner hellsichtigen Gesprächspartnerinnen rief jüngst mitten in Ayahuasca ein Wort in die Stille des dunklen Tempels: "Tromsö!", und dies Wort erschütterte mich, denn es rief mir alles zurück. Das Mitternachtsbüchsenlicht. Die Rentiere, die Lappen, die Norwegerin. Das ist die Barmherzigkeit der Medizin. Sie weiß, was wahre Liebe ist. Liebe, die mich zittern läßt, die mich erschüttert und beben läßt. Wohin nur, wohin? Wohin bist Du gegangen? Bist Du noch am Leben? Du Licht! Erinnere ich mich nicht an deinen Aufschrei, an dein Weinen, da Du wußtest, unsere Liebe lebt nur gestundete Zeit? Und gestern kam die Erinnerung zurück, gerade mit dem Gedenken an die verstorbenen Eltern, die mich Tag für Tag bestürmen, sie, die beiden, in ihrem Licht der Ewigkeit. Sie wissen jetzt mehr als ich. Das raubt mir den Atem. Wie eigentümlich: Je mehr ich mich ihnen annähere in ihrer neuen, ewigen Heimstatt, dem himmlischen Jerusalem, desto mehr bricht mir wie unter einem gefrorenen Ozean, dem Polarmeer, das Eis weg. Es beginnt zu knirschen. Und wieder höre ich meinen Studienkollegen Josef aus Völkermarkt dozieren: "Ja, Wolfgang, hab' den Schauder deiner Erkenntnis gespürt. Es ist wirklich alles anders!" Damals, in der Siebensterngasse. Wien der Vergangenheit, wo bist du hin? Überall nur mehr Tote. Welch ein Schreck, welch unfaßbare Trauer. Das ewige Licht leuchte ihnen. Und uns die Liebe, doch mehr noch, einstweilen, der Dank. Solange wir noch danken, weil erinnern können. Amen.

 

Diese r Beitrag wurde geändert Vor 3 Monaten 4 mal von W.Himmelbauer

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