Select Page

Forum Home

Notifications
Clear all

Hiob


(@w-himmelbauer)
Member Admin
Joined: 17 years ago
Posts: 357
Topic starter  

Es war da ein Mann im Land Uz, dessen Name Hiob war; und dieser Mann erwies sich als untadelig un rechtschaffen und gottesfuerchtig und von Schlechtem weichend. Und es wurden ihm sieben Soehne und drei Toechter geboren. Und sein Viehbestand belief sich auf siebentausend Schafe und dreitausend Kamele und fuenfhundert Gespanne Rinder und fuenfhundert Eselinnen, dazu eine sehr grosse Dienerschaft; und dieser Mann wurde der groesste von allen Orientalen.
Und seine Soehne gingen hin und hielten ein Festmahl im Haus eines jeden an seinem Tag; und sie sandten hin und luden ihre drei Schwestern ein, mit ihnen zu essen und zu trinken. Und es geschah jeweils, wenn die Tage des Festmahls den Kreis vollendet hatten, dass Hiob gewoehnlich hinsandte und sie heiligte; und er stand frueh auf und opferte Brandschlachtopfer nach ihrer aller Zahl; denn Hiob sprach: "Vielleicht haben meine Soehne gesuendigt und haben in ihrem Herzen Gott geflucht." So pflegte Hiob allezeit zu tun.

Nun kam der Tag herbei, an dem die Soehne des wahren Gottes hineingingen, um sich vor Jahwe zu stellen, und auch Satan begab sich dann mitten unter ihnen heinein.

Da sprach Jahwe zu Satan: "Woher kommst du?" Satan antwortete darauf Jahwe und sprach: "Vom Umherstreifen auf der Erde und vom Umherwandern auf ihr." Und Jahwe fuhr fort, zu Satan zu sprechen: "Hast du dein Herz auf meinen Knecht Hiob gerichtet, dass es seinesgleichen keinen gibt auf der Erde, einen Mann, untadelig und rechtschaffen, gottesfuerchtig und von Schlechtem weichend?" Darauf antwortete Satan Jahwe und sprach: "Ist es etwa umsonst, dass Hiob Gott gefuerchtet hat? Hast nicht du selbst um ihn und um sein Haus und um alles, was er hat, ringsum eine Hecke aufgerichtet? Das Werk seiner Haende hast du gesegnet, und sein Viehbestand, er hat sich ausgebreitet auf der Erde. Aber zur Abwechslung strecke bitte deine Hand aus, und taste alles an, was er hat, und sieh, ob er dir nicht direkt ins Angesicht fluchen wird." Daher sprach Jahwe zu Satan: "Siehe! Alles, was er hat, ist in deiner Hand. Nur gegen ihn selbst strecke deine Hand nicht aus!" Da ging Satan hinaus, von der Person Jahwes hinweg.
Nun kam der Tag herbei, an dem seine Soehne und seine Toechter im Haus ihres Bruders, des erstgeborenen, assen und Wein tranken. Und da kam ein Bote zu Hiob, und er sprach dann: "Die Rinder waren gerade beim Pfluegen, und die Eselinnen weideten an ihrer Seite, als die Sabaeer einfielen und sie wegnahmen, und sie schlugen die Bediensteten mit der Schaerfe des Schwertes nieder; und ich konnte entrinnen, nur ich allein, um es dir mitzuteilen."
Waehrend dieser noch redete, kam jener und sprach dann: "Ja Feuer Gottes fiel von den Himmeln und loderte dann unter den Schafen und den Bediensteten und verzehrt sie; und ich konnte entrinnen, nur ich allein, um es dir mitzuteilen."
Waehrend jener noch redete, kam ein anderer und sprach dann: "Die Chaldaeer bildeten drei Haufen und fielen ueber die Kamele her und nahmen sie weg, und sie schlugen die Bediensteten mit der Schaerfe des Schwertes nieder; und ich konnte entrinnen, nur ich allein, um es dir mitzuteilen."
Waehrend dieser andere noch redete, kam noch ein weiterer und ging daran zu sprechen: "Deine Soehne und deine Toechter assen und tranken Wein im Haus ihres Bruders, des erstgeborenen. Und siehe, da kam ein grosser Wind aus der Gegend der Wildnis, und er stiess dann an die vier Ecken des Hauses, so dass es auf die jungen Leute fiel und sie starben. Und ich konnte entrinnen, nur ich allein, um es dir mitzuteilen."

Und Hiob stand dann auf und zerriss sein aermelloses Obergewand und schnitt sich das Haar seines Hauptes ab und fiel zur Erde und beugte sich nieder und sprach:
"Nackt kam ich aus dem Leib meiner Mutter,
und nackt werde ich dorthin zurueckkehren.
Jahwe selbst hat gegeben, und Jahwe selbst hat weggenommen.
Der Name Jahwes sei fernerhin gesegnet."

In all diesem suendigte Hiob nicht, noch schrieb er Gott irgend etwas Ungebuehrliches zu.

Danach kam der Tag herbei, an dem die Sohne des wahren Gottes hineingingen, um sich vor Jahwe zu stellen, und da kam auch Satan in ihre Mitte, um sich vor Jahwe zu stellen.
Da sprach Jahwe zu Satan: "Von woher kommst du denn?" Satan antworte darauf Jahwe und sprach: "Vom Umherstreifen auf der Erde und vom Umherandeln auf ihr." Und Jahwe fuhr fort, zu Satan zu sprechen: "Hast du dein Herz auf meinen Knecht Hiob gerichtet, dass es seinesgleichen keinen gibt auf der Erde, einen Mann, untadelig und rechtschaffen, gottesfuerchtig und von Schlechtem weichend? Auch haelt er noch an seiner unversehrten Lauterkeit fest, obwohl du mich gegen ihn reizt, ihn ohne Ursache zu verschlingen." Aber Satan antwortete Jahwe und sprach: "Haut um Haut, und alles, was ein Mensch hat, wird er fuer seine Seele geben." Strecke zur Abwechslung doch deine Hand aus, und ruehre an sein Gebein und sein Fleisch, und sieh, ob er dir nicht direkt ins Angesicht fluchen wird."
Daher sprach Jahwe zu Satan: "Da ist er in deiner Hand! Nur auf seine Seele gib acht!" So zog Satan aus, von der Person Jahwes hinweg, und schlug Hiob von seiner Fusssohle bis zu seinem Scheitel mit boesartigen entzuendeten Beulen. Und er ging daran, sich eine Tonscherbe zu nehmen, um sich damit zu schaben; und er sass inmitten der Asche.
Schliesslich sprach seine Frau zu ihm: "Haeltst du noch an deiner unversehrten Lauterkeit fest? Fluche Gott und stirb!" Er aber sprach zu ihr: "Wie eine der unverstaendigen Frauen redet, redest auch du. Sollen wir nur, was gut ist, von dem wahren Gott annehmen und nicht auch annehmen, was schlecht ist?" In all diesem suendigte Hiob nicht mit seinen Lippen. (Hiob 1-2:9)

Dies ist gewissermassen der Prolog im Buch Hiob. Die Einleitung zu einer Rede des Vorwurfs und der Verwerfung, zu der der dermassen tragisch Geschlagene ansetzt, ein Patriarch, umgeben von seinen drei Freunden, die ihm zu Hilfe eilen: Eliphas, der Tamaniter; Bildad, der Schuchiter und Zophar, der Naamathiter. Sie verhandeln den Glauben und die Verdammnis, und lassen dabei scheinbar keinen Grashalm stehen. So zieht sich das Ganze 37 eloquente Kapitel dahin, gespickt mit Saetzen der Weisheit, die Stoff fuer Buecher und Aufsaetze abgeben, bis schlussendlich in Kapitel 38 Gott Jahwe dem Geschlagenen aus dem Windsturm heraus antwortet. Und schliesslich hat alles ein maerchenhaftes Ende. ("Und Hiob lebte nach diesem noch 140 Jahre und bekam seine Soehne und seine Enkel zu sehen - vier Generationen. Und schliesslich starb Hiob, alt und mit Tagen gesaettigt.")

Die Kirchenvaeter siedelten die Figur des Hiob rund um die Zeit Moses' an, also etwa um 1250 vor Christus. In den Synagogen des Altertums wurde die Geschichte Hiobs, so der Heilige Hieronymos, fuer wahr gehalten, und von daher ging der Text des menschlichen Elends den Glaeubigen so zu Herzen. Das Buch Hiob zaehlt zu den zentralen Texten des Alten Testamentes. Noch der Apostel Jakobus, Nationalheiliger Spaniens und einer der ersten Maertyrer (von Herodes Agripa I. im Jahre 44 enthauptet), zitiert ihn als ein Beispiel menschlichen "Ausharrens", der im Dialog mit Gott bleibt. Wie aus dem "Prolog" ersichtlich, bleibt die Frau Hiobs, im Namen ungenannt, in all der Miserie seltsam kuehl. Sie redet ihm gar nuechtern zu: "Fluche Gott und stirb!" Der Kontrapunkt zu einem Gottesfuerchtigen in Gestalt einer Mutter, die gerade ihre zehn Kinder und Haus und Hof und alle Herden verloren hat und die sich der unbegreiflichen Ausloeschung uebergibt.

Hiob ist menschliches Bekenntnis, wie unter Hypnose geschrieben. An wen mich halten, wenn ich alles verliere und mit Geschwueren uebersaet in der Asche sitze, mich mit einer Tonscherbe blutig kratzend. Ein Wahnsinniger eben, einer, der nur mehr zum Lallen faehig ist, von ungezuegelten Schluchzern gebeutelt, untroestlich, in Dunkelheit verfangen, aber der schlussendlich nicht seine Sprache verliert, - die menschliche Sprache. Er weitet seinen Blick aus in die Unendlichkeit, stellt sich der Allmacht, und die Allmacht tritt ihm gegenueber. Alles aus dem Verstaendnishorizont der Verfasser.

Karl Barth sagte einmal, er bewundere den Apostel Paulus ob seiner unglaublichen Einsichten, aber mehr noch dessen damalige Leser, die faehig waren, solche Auswuerfe zu verstehen. Welches einzigartige Vorverstaendnis muesse zwischen den beiden Kommunizierenden, dem Prediger Paulus und seinen zarten Christengemeinden, verstreut in aller Welt, geherrscht haben. Das Vorverstaendnis der Offenbarung.
Genauso muss es dem Menschen Hiob ergangen sein, selbst wenn er eine geronnene, literarische Gestalt in den Zeiten der menschlichen Willkuer des Altertums gewesen sein mag. Vergessen wir nicht, der Text rekurriert auf eine Zeit 1500 Jahre vor Christus, 700 Jahre vor dem Auftreten Buddhas in Asien. Es kann nur eine literarische Gestalt sein, aber Abbild des menschlichen Schicksals. Den Verfassern entglitt im Buch Hiob die selbstauferlegte Zensur, und der Text widersetzte sich all die Jahrhunderte danach stoerrisch - traumwandlerisch eben - jeder Geradeschreibung. Dieses Kapitel des Elends, das wollten sie nicht streichen. Es war der Hinterausgang aus dem Luegengebaeude.

Doch Hiob beruehrt auch aus anderer Sicht. Nuechtern. Hiob ist ein ueber Jahrhunderte hinweg von einer juedischen Priesterklasse, die Zugang zu den Schriftrollen hatte, liebkostes und in seiner Dialektik des Auflehnens ausgefeiltes Produkt. Eine schriftstellerische Leistung, die wie in einem Psychodrama im letzten Kapitel den Auftraggeber auftreten laesst, den allmaechtigen Gott Jahwe, jenen, der die Pruefung durch Satan guthiess.
Hiob ist der bis heute moderne Kahlschlag eines Geschlagenen, der nicht untergeht. Das Buch Hiob lebt von Hiobs Zunge und von der seiner Freunde. Hiob lallt nicht verrueckt, sondern es sind dialektische Phrasen. Konstrukte, die die Allmachtsverhaeltnisse austesten und auf den Menschen schlussendlich zurueckfallen. Der Mensch, das ist die Priesterklasse, die den Beweis erbrachte: Gott Jahwe, unser Gott, der Eine und einzig Wahre, er ist gnaedig. Nimm alles auf dich, und du wirst erloest. Das war das grosse Vorhaben, das Lehrstueck, das dem minoritaeren, militaerisch immer unzulaenglich ausgeruesteten Volk in Palaestina den langen Atem verleihen sollte. "Haltet aus, egal was da kommen mag!" Vom Begreiflich-Machen dieses Lehrstuecks hing das Schicksal der Priesterklasse selbst ab, und sie verbrachte Jahr um Jahr, Jahrzehnt um Jahrzehnt, um entsprechend der politischen Entwicklungen ihre Schriftrollen mit sich selbst erfuellenden Prophezeiungen zu verweben. Es war eine gigantische manipulative Arbeit, fuer die sie ungehinderten Freiraum zumindest bis zum Jahr 73, dem Jahr der endgueltigen Zerstoerung des Tempels in Jerusalem, genossen. Hiob stirbt nicht, sondern erhaelt alles mit Zins und Zinseszins zurueck, nachdem er gelernt und demonstriert hat, wie er mit einem existentialistischen, sprachlogischen Stilett umzugehen hat. Niemand widersprach den Verfassern. Die Grenzen waren die Grenzen der eigenen Einbildung und des eigenen Sprachvermoegens. Sie waren Ghule. Im Dunst des immerwaehrenden Weihrauchs im Herzen einer Zelt- und spaeter Tempelstadt, webten sie an der Handlichmachung ihres wahren Gottes. JHWH. Und dies gelang ihnen meisterlich, denn sie malten den Teufel an die Wand und darueber hinaus dessen Vater. Und diesem Gespann gegenueber einen wohlhabenden Menschen. Einen, der Kraft seines Wohlstandes auch ueber Bildung (und diese heisst immer auch Sprachvermoegen) verfuegte. Den groessten Orientalen im Lande Oz, wie es gleich zu Beginn heisst.
Hiob ist also auch Demaskierung. Die Demaskierung der Frechheit. Frechheit siegt, sagen wir heute. Sei nur frech genug und behaupte bis zuletzt deine Zunge. Dann wirst du siegen. Das gilt vor allem im Theater. Die frechsten Stuecke rufen das groesste Gelaechter hervor und bleiben unvergesslich. Jemand, der den Bogen der irdischen Gebundenheit abgrast, ohne sich von der Stelle zu bewegen, er hat es gut. Er erscheint ungefaehrdet. Denn es ist nicht Hiob, sondern seine Verfasser. Jene, die ihn tradierten. Der biblische Hiob ist wie Pinocchio. Er ist unzerstoerbar. Wenn es ihm passt, wird er lebendig und zum Ratgeber des Lesers. In Hiob steckt Weisheit, Schlauheit und Kalkuel. Darum ist man aufs Erste einmal paff, wenn man ueber ihn stolpert. Kann mir sowas auch passieren? Das ist die erste Frage, die natuerliche Frage. Und das Motiv dahinter, natuerlich: Angst. Geschuerte Angst, aber auch logische Angst. Angst vor dem Verlust, Angst vor der Verneinung.

Heute beruehren sie ihn nicht mehr gerne, den Hiob, obwohl er, sein Symbol, aktueller denn je ist, in diesen Zeiten des immerwaehrenden Krieges in Mesopotamien und im Heiligen Land. Die Streamliner ziehen den apodiktischen Paulus vor, den ebenfalls nicht aufs Maul gefallenen Weitwanderer und Mittelmeersegler. Aber wer hoert denn ihn heute noch gerne, wenn er zum x-ten Male von Hurerei, Ehebruch und sonstigen sexuellen Verfehlungen predigt. Es wirkt alles seltsam unzeitgemaess, sodass es einem den Magen umdreht. Das ist der Grund fuer die Ausleerung der Basiliken. Das Wort erreicht die Menschen nicht mehr, weil es mit dem Hammer dahergeflogen kommt. Heute haben wir die Freiheit der Auflehnung. Zum Glueck!

Hiob bekommt maximal eine Stunde in der Alttestamentarischen Bibelexegese reserviert. Er wird mit Schlagwoertern abgehandelt. Wir reden hier von der Redaktion, signalisiert man, denn die ist wissenschaftlich abzusichern, damit wir mit dem Text hausieren gehen koennen. Aber vom Drama des menschlichen Elends, dem tatsaechlichen, spricht man nicht. Und erst recht nicht vom ungenierten Auftreten Satans. Hiob ist der Vorlaeufer der Blutdramen des englischen Titanen. Shakespeare blieb ganz nah dran an der Schlaechternatur des Menschen. Die Beweggruende seiner Protagonisten entspringen allesamt Primaertrieben. Sogar ein Liebesdrama wie "Romeo und Julia" strotzt noch von toedlichen Dolchstoessen im Vorbeigehen. Die Bibel dagegen ist sexualentleert und ebenso gewaltentleert, obwohl sie in ihrem ehrfurchtgebietenden Kreuzbuckelalter allen Anlass haette, davon zu zitieren. Das macht das ganze Unterfangen verdaechtig. Die Gestalten werden nicht griffig. An ihrer Stelle fliessen Allmachtsansprueche ein, zurecht. Das Christentum wie das Judentum mussten sich plazieren, noch Jahrhunderte nach Christus, bis hin zu den Tagen Konstantins im 3.Jahrhundert, der es, das Christentum, in Rom hoffaehig machte. Da war der Durchbruch geschafft.

Hiob ist ein Brennglas. Bewege es lange genug nicht, und das Papier unter dir beginnt zu brennen.
Du meinst, die Sorglosigkeit der sozialen Konvention sei allezeit gueltig. Doch die Hochzeitsfeier der ausgelassen in die Luft schiessenden Gaeste wird zerstoert. Hiob, du sassest auch in Mesopotamien in der Asche. Das groesste Wunder jedoch, Du wurdest schlussendlich nicht verrueckt.


Quote
Share: