Seite auswählen

Forum Home

Jahr der Wende: Ama...
 
Notifications
Clear all

Jahr der Wende: Amazonisches Tagebuch, fortgesetzt  

  RSS

(@w-himmelbauer)
Mitglied Admin
Beigetreten: 16 Jahren zuvor
Beiträge: 322
12/06/2020 6:14 pm  

Jahr der Wende: Amazonisches Tagebuch, fortgesetzt

Die Nächte im Dschungel streben, so drängt sich der Eindruck auf, einer Kulmination zu. Seltene Gäste, manche unter ihnen abstrakte Erscheinungen, geben sich die Ehre: Der traurige Aymama, seit Jahren nicht gehört, zieht stundenlang seine Kreise, so als klage ein Kind unter Schmerzen oder Wehmut. Nachdenklich liege ich im Bett und spinne, notgedrungen mutiger als sonst, einen ahnungsvollen Faden. Hoffentlich kostet er mich nicht mein Leben. Wahrhaftige, der scheue Ayamama zieht mitten auf den freien Flächen, die wir akribisch abgeholzt haben, seine Kreise. Vielleicht ist es auch nur ein Rufen, ein magisches. Doch Esmeralda und Zoila liegen ebenso wach wie ich und starren beklommen nachdenklich ins Dunkle einer wolkenschweren Nacht. Doch sosehr sich die Nacht auch dunkel gibt, vielleicht liegt es nur am fehlenden Mond, der, weiß der Teufel, gar nicht mehr aufgehen will. Vielleicht ist er gar vom Himmel gefallen? Zuzutrauen wäre es ihm jedenfalls, diesem launischen Gesellen. Den Ayamama jedenfalls fichts nicht an. Er dreht von 21 Uhr bis 3 Uhr in der Früh seine Kurven, sozusagen seine Kompensation dafür, daß er sich jahrelang rar gemacht hat. Wo nur mag er sich in all der Zeit herumgetrieben haben? Haben ihn die Brasilianer in 60 km Entfernung vertrieben?

Der Mond seinerseits, um sogleich zum heurigen Hauptdarsteller umzuschenken, läßt sich bitten wie Gina Lollobrigita in ihren besten Tagen des grünen, also launenbehafteten Mondes. Nicht nur, daß er inexistent erscheint. Nein, der gute Mann taucht erst nach Mitternacht wie eine Brandfackel auf der im Westen gelegenen, unmenschlich ausgedehnten Kakaoplantage auf und erhebt sich gemächlich, so als wäre er ein überfälliger, von einem zürnenden Gott Jach-haw-weh gesandter Racheengel, der seinen folgenschweren Auftritt um nichts in der Welt übereilen möchte. Sein Licht, das gar nicht seines ist, sendet er ohne Umschweife gen Westen, wo die Scheinwerferkaskaden drohend, weil unnachgiebig durch das Blätterwerk des immergrünen Busches gleißen. "Was ist das nur für ein Scheinwerfer?", denkt Kapistran Clemens, der heute, weil unangekündigt aufgetreten, auf die Schnelle im Haus der Wächter in einem unbelegten Bett Platz genommen hat. In einem leeren Bungalow will er partout nicht schlafen. Es fehlt auch Judith, die als einzige den Schlüssel zum Bettwäschekasten bei sich hat. Seltsamer Geselle, doch was soll´s? Ist er vielleicht der Herr des Waldes im Langzeitmodus? Schön langsam kann ich ja gar nichts mehr ausschließen. Der Mond jedenfalls hat von Grün auf Goldgelb und volle Pracht geschaltet, doch an seinem späten Aufgehen hat er nichts verändert. Um acht Uhr morgens steht er erst im Zenit über der Baucar-Kastanie, dem Königspalast der Webervögel. Daß er dergestalt das Firmament mit Frau Sonne teilen muß, scheint ihn nicht im Mindesten zu inkommodieren. Auch die Werwölfe legen wegen der schrägen Zeitverschiebung nicht ihr Veto ein. Was also braucht es mehr? Lange schon ist´s her, daß Andreas nachts nackt durch den Busch lief, sieben Stunden lang, nachtsichtig, ohne Kratzer. Seltsame Zeiten, doch was soll´s? Die Stockdunkelheit 14 Tage zuvor liegt schon wieder lange zurück, und mit ihr der gespenstische Auftritt unserer Baumwanderer, die du um keinen Preis der Welt zu Gesicht bekommst. Du hörst sie nur, wenn sie in den Aguaje-Kronen Platz nehmen, als wäre dies ihr Königsthron, und sie gemächlich, aber dafür umso akribischer, die rostbraunen, leuchtenden Früchte, die wie zu Eiern deformierte Golfbälle wirken, sich zu lukullischem Gemüte führen. Dann und wann jedoch springen sie aus dem Sitz auf das Dach, mit ein paar Armschwüngen, und landen plumpsend am Blechdach, wo sie sofort in den Amoklauf-Modus umschwenken und so tun, als wollten sie die vollen Aluminiumplanken wohl samt ihren Nägeln vom Dachbau herunterreißen. Das jagt den unter der Decke versteckten Frauen groben Schrecken in die Knochen, denn kaum hat der Buriburi Fersengeld gegeben und die gröbste Gefahr scheint erstmal gebannt, gibt sich der nächste ungebetene Gast die Ehre, genau genommen sind es zwei, und sie schmatzen, grunzen und kratzen, so als wären beide rollig und wollten ins Gemach der Frauen stante pede lüstern vordringen. Stachelschweine wissen, wie sie Frauen eins auswischen können. (Warum gerade Frauen, gehört zu den sieben Weltwundern). Das ruft Clemens auf den Plan, der, ganz in ungewohnt ritterhafter Anwandlung, sich um Wohl und Wehe der Frauen urplötzlich Sorge macht, so als erinnere er sich gerade in diesem Augenblick daran, daß die Schöpfung seines Arbeitgebers aus Manderl und Weiberl, wie es seine Großmutter immer zu predigen pflegte, geformt ist. Clemens somit macht also seinen wackeren, todemutigen Auftritt in dieser unheilschwangeren, unwägbaren Nacht, freilich unbewaffnet. Verflucht sollen die beiden Arbeiter sein, die da ganz unbeteiligt wie die gröbsten Übeltäter weiter in ihrem schnarchenden Delirium fortfahren. Denen ist doch alles egal, selbst der Weltuntergang! Doch andererseits: Was tun sie dann wirklich, sollten wir hier Trunkenbolde am Terrain haben, Banditen? Dann würden sie wohl doch nicht dermaßen schnarchen, sondern nach ihren Flinten greifen! Oder doch nicht? Muß ich eingreifen? Clemens also betritt in Unterhose die Szene und begibt sich furchtlos zum Tatort des Tumultes. Seine einzige Waffe die Taschenlampe. "Nur keine Sorge, Herr Friedsam", tönt es da rechts hinter seiner Schulter. "Das sind unsere Spaßvögel, die Stachelschweine. Ein Glück, daß wir derzeit keine Hunde am Terrain haben. Denn die hätten es abgekriegt. Hundeschnauzen können sich vor Stachelschweinen nicht zurückhalten. Dann haben wir die Bescherung." Bruder Clemens kann es egal sein. Hauptsache, der Beweis ist geliefert, daß beim vermeintlichen Weltuntergang nicht alle schlafen, sondern ihm die Aufwartung geben. Ob in Unterhose oder nackt, kann ihm egal sein. "Ist es da draußen gefährlich?" ertönt prompt Esmeraldas Stimme vom hölzernen Fenster. "Typisch", denkt sich da Clemens. "Wir Gringos stehen nachts in der Gegend herum, während für die Hiesigen das Ganze hier, wenn ich´s recht bedenke, gar nicht zu existieren scheint! Wie kann man nur dermaßen die Ruhe weghaben?" "Fürchten Sie sich, Herr Clemens?", kommt es frivol vom Fenstergitter. Wollen sie nicht bei mir Schutz suchen?" Clemens Friedsams Schultern sacken zusammen. Sein weiteres Schicksal in jener Nacht bleibt diskret.

Die nächsten Wichtigtuer, um nunmehr einen Schwenk vorzunehmen, sind unsere Schildkröten, die sich zu veritablen Platzhirschen am Grund, sprich, an der Quebrada, mausern. Ich habe vorvorgestern zur frühen Mittagsstunden nachgezählt, als die gesamte Belegschaft selbstherrlich stoisch im prallen Sonnenschein auf den Flößen lag. Sieben ausgewachsene Exemplare, fünf, sechs mittelgroße und ein dutzend kleine, allesamt im Dickicht des Varrijals geboren. Die Natur weiß sich zu helfen, auch wenn kein grauer vulkanischer Amazonasufersand zur Verfügung steht. In diesen friedlichen Verhältnissen, wo heuer kein Jaguar herumstreift, kann auch die hochschwangere Frau Taricaya improvisieren. Unsere Charapa, die Königin, die sich bitten läßt, hat sich derweilen endlich, nach Monaten, auch akklimatisiert und zeigt sich, scheu wie sie ist, nur für Minuten in der größten Frühnachmittagshitze, wo sie aus der Tiefe emportreibt wie der majestätische Alacrón am Lago Yarinacocha in Pucallpa, als es noch golden war, in den 50ern und frühen 60ern. Der Stillstand der Menschheit jedenfalls tut der Tierwelt gut. Der Äther ist gereinigt, kein Lärm, kein Verkehr, kein Irrsinn. Die Vogelwelt erholt sich in ungekannter Radikalität. Sogar im Dorf werden seltene Vögel gesichtet. Sie brüten an allen Ecken und Schlupflöchern unter den Dächern. Und heute nacht ein Glühwürmchen, so als hätte es vom Himmel einen Freibrief für ein paar Minuten erhalten. Kolibris ihrerseits brauchen keine Freibriefe. Ihr Tun obliegt dem eigenen Ermessen. Üblicherweise bekommt sie um 06:20 Uhr unten am Ufer der zu Gesicht, der/die reinen Gewissens ist. Und das will ja schon was heißen in diesen todesschwangeren Zeiten, wo manche meinen, das ganze wäre ein "Hoax", eine Erfindung.

Nein, das ist keine Erfindung. Oscar Pezo, mein Vorarbeiter, starb innerhalb von vier Tagen, und er war Anfang der Fünfzig. Und bei einer Grippe sterben nicht Ärzte und medizinisches Hilfspersonal wie die Fliegen, trotz ihrer Weltraumschutzausrüstung. Der Leiter der Pathologie des Regionalen Krankenhauses Loreto/Iquitos starb innerhalb von Tagen. Die Warnung des Robert Koch-Institutes hatte ihn nicht erreicht. Und da gibt es in Deutschland Leute, die meinen, sie würden sich profilieren, wenn sie das Ganze als Verschwörung hinstellen. Das Dramatische an der ganzen Sache ist nur, das war erst der Anfang. Doch darüber will  ja keiner reden. Hauptsache, die Geschäfte laufen wieder an. Wir hätten gar nicht zusperren sollen, sagen manche. Hätten wir es doch so gemacht wie die unbekümmerten Schweden! Prinzip Eigenverantwortung. Dann hätten wir uns viel Zores erspart. Wer redet von den Kleinen, die bankrott gingen, und wer von denen, die sich gar deswegen umbrachten? Hätten wir das ganze nicht auch anders anpacken können und nicht mit diesen lächerlichen Schneuztüchlmasken, die ja nur ein Witz sind gegen das Virus. Das Virus! Ein Achtzigmillionster Teil von einem Millimeter. Und da zeigt uns der Milchbube im Bundeskanzleramt wichtigtuerisch vor, wie man weiße Masken als neue Mode trägt. Was für eine Verarschung! Weiß er denn nicht, daß für dieses Virus sogar noch das Trommelfell ein offenes Scheunentor ist? Das Virus selektiert. Doch jede Aussage zu diesem Phänomen ist im Grunde hinfällig. Wir wissen ja nicht einmal, was es ist! Auf jeden Fall ist es keine Erfindung der Chinesen. Nichts lächerlicher als solche Behauptung. Hier spricht die Erde, und sie ist faktibel die oberste Autorität auf diesem Planeten. So schaut´s aus, Herr von Kraus. Derweilen dürfen wir Modifizierungen anbringen, an uns selbst, zum eigenen Wohlergehen. Zu unserem und dem des Nächsten. Das freundliche Lächeln hinter meiner Plastikgasmaskenangriffsmaske, freundlicherweise aus Lima per Extrapost zugeschickt von meiner Bürgermeisterin. Ich wandere herum wie Darth Vader. Und mein Atem hört sich wie eine Pumpe an. So schaut´s aus, Frau Pospisyl. Bitte nicht weinen! Bitte! Oscar war ein prima Kerl. Immer freundlich, gar lustig. Ein Superkoch. Alles autodidaktisch. Seine Frau ist schon lange tot. Sie haben ihn begraben, bevor die Kinder die Todesnachricht erreichte. Begraben? Verbrannt. Doch von den Pesttoten wollte noch nie jemand etwas wissen. So verschwinden wir alle von einem Nu auf den anderen. So wie Wolferl, der Mozart.

 

    

Dieses Thema wurde geändert 3 Wochen zuvor 6 times von W.Himmelbauer

Zitat
(@w-himmelbauer)
Mitglied Admin
Beigetreten: 16 Jahren zuvor
Beiträge: 322
16/06/2020 12:49 am  

Wovoka, wie er spricht

 

Datei:Wovoka Paiute Shaman.jpg

Was Wovoka und seinen Gesinnungsgenossen, den Geisterhemdkriegern, nicht gelang, nämlich seine Heimat, die Schildkröteninsel, von der weißen Pest leerzufegen, das schaffen Mächte, die sich beharrlich dem Zugriff des Menschen entziehen. Sie können dies, weil jene Menschen, die sich der Macht verschrieben haben, ja von ihnen letztendlich nichts wissen wollen, denn selbst wenn diese Mächte die reinste Antithese zu unmenschlichem Tun, wie auch immer es geartet sein möge, darstellen, der Machthungrige wird das Menetekel, das vor ihm in brennenden Zeichen an der Wand sich bildet, nicht verstehen wollen. Die Mörder wollen eben sogar auch vom Teufel nichts wissen. Sie wollen gar nichts wissen. Am wenigsten wollen sie wissen, was wahr und was falsch ist, was Wahrheit und was Lüge ist. Das ist der große Unterschied zu Beelzebub, dem alten Zottelbär. Der alte Zottelbär, der es sich auf dieser Erde wohnlich eingerichtet hat, kennt sehr wohl den Unterschied von Wahrheit und Lüge. Auch wenn er die Lüge geboren hat (und das will ja immerhin etwas heißen), er kennt auch seinen Gegenspieler, und er kennt seinen Gegenspieler besser als wir ihn kennen. Wir wollen den Gegenspieler ja gar nicht kennen, denn im Grunde langweilt uns diese ganze vermaldeite Dogmatik ja zu Tode. Wir spielen lieber Russisches Roulette. Das ist unsere Erfindung, oder formulieren wir es nicht so rigoros: unsere Co-Erfindung, so wie der Colt des Herrn Samuel Colt. Wir wollen das alles nicht wissen. Wir wollen ja gar nicht wissen, was Lüge ist. Wir wollen uns nur in ihr selbstgefällig suhlen, wie bei einem opulenten, ausschweifenden Mahl im alten Rom, wo schlußendlich die Konkubinen nackt auf den Tischen tanzten und die Senatoren und Konsule betrunken grölten. Wir wollen das nicht wissen. Wir wollen nicht wissen, was den Menschen ausmacht, obwohl es in der Präambel Nummer Eins zur Charta der Vereinten Nationen klar und deutlich formuliert steht. Der Mensch gehört entmenschlicht. Das ist die Präambel des Bösen. Dem Menschen gehört alle Macht. Das hingegen ist die Präambel der Mörder, die nie ein Buch gelesen haben. Das ist eben der große, große Unterschied. Der Antichrist hat die Bibel sehr wohl gelesen. Er hat sie nicht nur Wort für Wort gelesen, nein, er kennt sie auswendig; und schlimmer: passagenweise hat er sie mitverfaßt. Er konnte eben sein Maul nicht halten, auch wenn er immer schon wußte, die Menschen werden ihn nie verstehen. Das Wort des Nazareners, seinem eigentlichen Widersacher, dem er seit je spinnenfeind gesinnt ist, weil ihm vor ihm durch und durch ekelt, dieses Wort mußte er bereits an seiner Wurzel, also an der Transkription, mit Gift besprühen. Besprühen und bespucken. An der Wurzel pflanzte er den Zweifel ein, so wie Unkraut neben einem 3.000 Jahre alten Olivenbaum am Ufer des Sees Genezareth. Stacheliges Unkraut, das nicht auszurotten ist. Wowoka, ein Wavioka-Paijute Schamane, war Prophet, und was er sah, war alles andere als erheiternd. Das verstanden auch seine Mitkämpfer, jene, die sich, stammesübergreifend, zur letzten Schlacht, jener am Little Big Horne, versammelten. Sie wußten, dies wird ihre letzte Schlacht, auch wenn sie mit der kompletten Auslöschung des 6.Kavallerieregimentes des selbstherrlichen General Custer enden sollte. Alles danach war nur mehr ein Abgesang. Cochise, Geronimo, Wounded Knee, die Einpferchung in die Reservate, die Krankheiten, die Missionierung. Die Missionierung, die sie nicht verstehen konnten. Zunächst nicht verstehen konnten. Die große amerikanischen Nation an First People, 80 Millionen Menschen groß, wie Anthropologen schätzen, wurde in einem beispiellosen Genocid ausgerottet auf wenige Zehntausend. Ich meine, Wovoka sah dies alles. Und ich meine, er behielt sich gegenüber seinem Gott, Wakan Tanka, ein Vetorecht vor. Und nicht nur er. Crazy Horse ebenso und vielleicht der eine oder andere Heyoka, wie sie unerkannt, unerinnert hinübergingen. Das Vetorecht der Rache. Rache.

Mit Rache hat jeder etwas im Sinn. Anfangs zumindest. Später könnte man klüger werden, man will es aber nicht. Was bringt mir das Klügerwerden, fragen wir uns. Mit Klugheit komme ich der Ungerechtigkeit nicht nahe. Mit meinem Racheschwur vielleicht hingegen schon, erst recht, wenn ich ihn somnambul, in mir, in meiner Seele tief verborgen, hinüberschleppen kann, hinüber, an das Gestade des Styx, wo mich Chiron, der Fährmann, zurückweist: "Guter Mann, für meine Ziele sind Sie viel zu schwer beladen. Ich schlage Ihnen vor, treiben Sie sich noch ein wenig in der hiesigen Zone herum und werden Sie glücklich mit der Herumtreiberei. Der Herr Schaitán handhabt es ähnlich: Herumtreiberei. Also, warum nicht?" Und so treiben sich ein paar Tunichtgute, die sich selbstgerechterweise sagen, das kann nicht alles gewesen sein! Bei Gott, das kann nicht alles gewesen sein! So hätte es nie und nimmer enden dürfen! All diese Gesellinnen und Gesellen, alle mit einem schmählichen Todesurteil am Rücken, nehmen von ihrem Vetorecht Anspruch und treiben sich somit, unergründlichem Engelsrat folgend, noch ein Weilchen auf Erden herum. Welch eine Erleichterung, sagen sie sich, der Fährmann, der Schwarze ohne Gesicht, ist der Erste, der mich versteht. Der uns versteht, wirft der Nachbar sogleich ein, und eine Dame im Halbschatten nickt eifrig. Ich habe noch einige Rechnungen offen. Ich mache mich hier und jetzt auf, dieselben zu begleichen. Wer von euch kommt mit? Und alle kommen mit. Und so kehrt die ganze Schattenbande zurück. Sie wissen, was ihnen zusteht: Sie dürfen die Mörder in den Irrsinn führen. Und der alte Zottelbär verzieht keine Miene, als er die rachelüsterne Rasselbande zurückkehren sieht. Und die Bande geht keineswegs kopflos vor. Und sie findet Gesinnungsgenossen, sogar unter den Lebenden, und nicht nur das: Sie findet erst recht Gesinnnungsgenossen unter den Seelen der Tiere und der Bäume. Und damit ist das Inferno, das selbst dem Zottelbär Respekt abringt, vom Zaum getreten. Die Kettenreaktion hat bereits gezündet. Nur einer könnte dem Ganzen Einhalt gebieten. Er, der Eine, der von sich sagte, er werde wiederkommen, am Ende aller Tage, doch jenen Tag kennt nur der Vater im Himmel, er allein. Am Ende aller Tage kommt das Ende des Kosmos, und es kommt in einer Weise, die wir uns nicht vorzustellen vermögen. Doch meine Freunde in Peru rechnen damit fix, so wie die Hopis. Wir leben in der Endzeit, lang kann es nicht mehr dauern. Was können wir uns vorstellen? Viel. Nur nicht den eigenen Tod. Ich kann mir viel vorstellen. Mehr noch: ich rechne mit allem. Ich rechne mit der Apokalypse. Mit ihr sogar in den nächsten fünf, spätestens zehn Jahren. Eine Konvulsion aller Elemente, gepaart mit komplettem Irrsinn, einem Rachefeldzug aller Viren, dem Roten Knopf, 2.500 Atomsprengköpfe in action, Kannibalismus und Ende. Stille. Kein Greinen eines Kindes. Nur heulender Wind. Doch das ist ja nicht das Ende des Kosmos. Die Hopis aber, sie, die treuen Hüter der Überlieferung, bereits transferiert nach Drüben, und neben ihnen ein paar Menschen mehr, sicherlich mehr als 144.000. Und die schwarzgraue Rasselbande, die sich bis zuletzt, bis zur Sperrstunde, hier bei uns herumtreibt, weil sie nicht genug kriegen kann, sie wird klammheimlich staunen und eine metaphysische Neuaufnahme, eine Revidierung des Menschheitsprozesses befürworten. Sie werden wie aus einer Stimme im Chor ausrufen: "Das haben wir nicht gewollt! Gerechtigkeit muß siegen! Wir wollten ja nur Gerechtigkeit. Den zürnenden Gott, in dessen Absicht all dies liegt, oder liegen muß, den wollten wir nicht! Wir entschuldigen uns für etwaiges Ungemach, das wir in unserer Rachelust DIR bereitet haben. Hörst DU uns?"

 

 

Diese r Beitrag wurde geändert 3 Wochen zuvor 4 times von W.Himmelbauer

AntwortZitat
Share: