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Julio Cahuáza Curitíma  

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(@Moment des Menschen)
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Beigetreten: vor 12 Jahren
Beiträge: 112
21/09/2007 6:02 pm  

"Mein Vater war ein guter Mensch. Er war 60, als er verschwand, am 13.Juli 2003, genau eine Woche nach seinem Geburtstag. Er hiess Julio, weil er im Juli geboren war. 30 Jahre lang arbeitete er in der Pfarre. Er war katholisch. Dann bewachte er fuer Josué, den heutigen Buergermeister, dreieinhalb Jahre lang dessen Balsa, wo Josué sein Boot untergestellt hatte. Mein Vater verbrachte die Nacht in einer Haengematte aus Palmenbast, unmittelbar neben dem Wasser. Er erzaehlte meiner Mutter, er hoere regelmaessig Radiogeraeusch und Stimmen, auch ein weinendes Kind. Hin und wieder zwicke ihn jemand in den Po. Einmal traeumte er von dem weinenden Kind. Er troeste es und huellte es in ein Tuch ein. Ein andermal war es krank. 4 Frauen und ein Mann kamen, und nahmen ihn mit ins Wasser, wo er das Kind heilte. Wie, wusste er selbst nicht. Mein Vater hatte begonnen, von der Sirene zu traeumen und erzaehlte es meiner Mutter. Die wurde darueber ziemlich eifersuechtig. Er brachte uns immer viele gute Fische nach Hause, die er mit der Angel gefangen hatte. Soviele gute Fische, Gamitanas zum Beispiel, das war auffaellig. Er lachte und sagte, seine Angel sei aus Gold. Aber indirekt wollte er uns sagen, das ist der Preis der Sirene dafuer, dass ich sie nicht zurueckweise. Mein Vater war ein guter Mensch. Nie schlug er uns oder meine Mutter. Dann, eine Woche nach seinem Sechzigsten, fiel er ins Wasser und etwas zog ihn nach unten. Er wurde nie gefunden. Meine Mutter traeumte von ihm. Er sagte ihr, er lebe jetzt bei der Sirene, die ihn gefangenhalte. Er koenne nicht weg. Wenn sie ihn zurueckhaben wolle, muesse sie eine kleine vierblaettrige Pflanze, die im Wasser treibt, sammeln, kochen und trinken. Meiner Mutter war das unheimlich. Sie tat es nicht. Sie empfand niemals Trauer ueber sein Verschwinden. Kurz nachdem er verschwunden war, traeumte mein Bruder, der Vater klage ueber Kaelte, er moege ihm das Hemd, das er am Ufer zurueckgelassen hatte, samt den Sandalen nachwerfen. Das tat er. Mein Bruder wollte am Ufer auch ein grosses Kreuz aus Eisen errichten, aber auch das lehnte mein Vater ab. Er sagte, das Kreuz wuerde die Sirene erzuernen, und ausserdem sei er nicht tot. Meine beiden Brueder, die mit mir im Haus leben, trinken ab und zu. Wenn sie anfangen, koennen sie in der Regel nicht mehr aufhoeren. Dann kommt der Vater in der Nacht und scheltet sie heftig. Sie versprechen ihm, nichts mehr zu saufen, aber sie sind zu schwach. Mein Vater hat, als es ihm reichte, schlussendlich abgewunken. So holt euch den Tod beim Trinken, sagte er ihnen. Gleich in den Naechten nach dem Verschwinden des Vaters sah man nachts auf der Balsa einen riesigen schwarzen Mann aus dem Wasser steigen. Seine Haut glitzerte seltsam. Die Leute hatten unbeschreibliche Angst. Josué liess die Balsa abbrechen. Sein Boot hat er heute oben am Ufer in einer festen Huette verstaut. Die Gegend, wo mein Vater verschwand, ist gefaehrlich. All diese Dinge sind geheimnisvoll. Es scheint so, als existiere ein Lasso zwischen meinem Vater und dessen Grossvater, der heute in Juansito, in einer Communidad am Ufer des Ucayali lebt. Mein Urgrossvater ist heute schon weit ueber 100, aber alle haben Angst vor ihm. Er hat unzaehlige Kinder, manche noch ganz klein, die er mit jungen Frauen zeugt. Seine Frau, die heute auch noch lebt, in Iquitos, getrennt, sie heisst Alejandrina, verschwand ebenfalls einmal im Fluss. Mein Urgrossvater holte sie nach 3 Monaten zurueck. Er konnte das. Die Medizinleute nennen solche Leute scheinbar "Banco", was auch immer das bedeuten mag, aber man sagt diesen nach, sie koennten sich ins Wasser begeben und in Tiere verwandeln. Meine Urgrossmutter, Alejandrina, war schon verwandelt. Sie trug den Kopf auf die Rueckseite hin verdreht, aber ihr Mann heilte sie. Nach 3 Monaten im Wasser! Die Leute haben ganz grosse Angst vor ihm. Sie meiden ihn. Weil er so alt geworden ist, sagen sie, er sei mit dem Teufel im Bunde und vielleicht gar unsterblich. Einmal wollten sie ihn erschiessen. Er verwandelte sich vor ihren Augen in einen Haufen Termiten. Es scheint so, als habe mein Urgrossvater meinen Vater beruehrt. Wenn meine Mutter heute mit dem Kanu ans andere Ufer faehrt, springen ihr immer die Bufeos nach und fiepen. Meiner Mutter wird es dann immer umheimlich, denn sie merkt, sie wollen sie locken.
Ich traeume ab und zu von meinem Vater. Er grinst mich an und fragt mich, ob ich Angst vor ihm haette. Ich sage die Wahrheit, dann lacht er wieder, und die Angst vergeht. Ich traeume so klar von ihm, als stuende er neben mir. Was er mir zeigt, erinnere ich nicht. Aber er sagte mir einmal, taeusche dich nicht, Berta, Du bist mir aehnlich. Schau nur in dein Gesicht, auch Du traegst die Warze. Das stimmt. Er hatte zwei, grosse, ich eine, neben der Nase. Bis vor kurzer Zeit wollte ich mich an all das nicht erinnern und niemandem davon erzaehlen, doch heute geht es offenbar unbeschwert. Ich weine auch nicht mehr wegen ihm. All das ist geheimnisvoll und unerklaerlich."

(Berta Cahuaza Curritíma, Otorongo, 20.9.2007)


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