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Mein Kollege von nebenan  

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(@Moment des Menschen)
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Beiträge: 112
29/03/2013 6:50 pm  

Mein Kollege von nebenan

Sie alle drohen zu entschwinden. Nein, nicht alle. Manch einer entsteigt der Nacht, und nicht ohne Grund. Des manchen einen Qualität zeigt sich erst Jahre danach, nach Jahren des Nicht-gesehen-Habens. Dafür dann die Erinnerung umso stärker.
Heute haben wir Karfreitag. Ein würdevoller Tag zum ehrenden Gedenken.

Sein Name war Konrad Andert. Ich hoffe, er ist noch am Leben, heute, fast 20 Jahre danach. Ich hoffe es von Herzen.
Er bewarb sich bei mir und ich wußte von Anbeginn an, er würde der zukünftige Lohnverrechner sein. Ein hochgeschossener, hagerer Herr, leicht rothaarig, Anfang der 40. Ein längliches Gesicht mit deutlich eingefallenen, zeitweise blassen Wangen. Aber er war nicht krank. Er machte sich nur über Vieles Gedanken und rauchte zum Ausgleich, und das genußvoll. Er war kein Sportverrückter. Er kam aus dem Burgenland. Dort, auf einem kleinen Hof, vegetierten seine alt und hinfällig gewordenen Eltern, um die er sich kümmern mußte, sobald er konnte. Deren Schicksal hielt ihn in Atem, sosehr, daß er darüber sprechen mußte. Sein Geist war munter, lebendig, aufnahmebereit. Er dachte mit. Wenn er etwas nicht verstand, merkte man es sofort. Er machte daraus kein Hehl. Er war unschuldig im Denken. Er verbarg sein Denken nicht. Er hatte, wie man das in Österreich nennt, ein „aufrichtiges Herz“. Er war absolut vertrauenswürdig.
Das alles hatte er von der zarten Hand seiner Eltern, für die Rechtschaffenheit das oberste Gebot war. Die heute selten gewordene „Gottesfürchtigkeit“ am Land, von der viele nicht verstehen, wie so etwas eine Gnade genannt werden kann. Aber genau das war in Konrad Andert verankert. Unanzweifelbare Rechtschaffenheit in der Arbeit, und privat so gut fuhrwerken, wie man halt kann. Nach der Arbeit liefen wir uns bisweilen noch einmal im „Merkur“ auf der Breitenfurterstraße über den Weg. Dort lernte ich seinen Sohn kennen und er Delia Rosenkranz. Da lachte er immer.
In der Firma redete keiner schlecht über ihn. Zuweilen rief ihn ein Mann vom Außendienst an: „Herr Andert, wieso all diese Abzüge am Lohnzettel?“ „Nun ja, Herr Finkruin, Sozialversicherung, Steuer, das Autodarlehen und von der Kirche haben wir auch eine gerichtliche Forderung.“ „Aha, ich verstehe. Danke, Herr Andert!“
Er hatte etwas eindeutig Individuelles, dann, wenn ihm etwas einleuchtete. Er war sozusagen kein „Blitzgneißer“, aber er machte sich die Mühe, alles, was ihm über den Weg lief, zu verstehen. Das tat er tatsächlich. Er gab sich die Mühe. Er arbeitete sozusagen ständig ab, was vor, sagen wir, drei Minuten passiert war. Wenn man ihn behutsam auf die Schaufel nehmen wollte, guckte er zuerst verdutzt, dann blickte er die breite Fensterfront hinaus aufs Dach und zum Friedhof hinüber, „ah ja“, sagte er, und danach nochmals, mit einem breiten Lachen, „ah ja!“ Er spielte den Langsamüberzuckerer. Das war seine Masche, die er sich aus Kollegialitätsgrunden zugelegt hatte. Er hatte etwas dagegen, andere an die Wand zu spielen. Ausfälligkeit war ihm völlig unbekannt. Er konnte mitten in der Arbeit aus gegebenem Anlaß herzhaft lachen. Er selbst war es, der derartige entspannte Momente kreieren konnte, indem er von seiner eigenen Begriffsstutzigkeit akribisch erzählte. In seiner hochgeschossenen Rotschopfigkeit hatte er etwas von einem altgewordenen Jungen an sich, der drollige Szenen heraufbeschwören konnte. Erinnernswerte Stehgreifdialoge noch und nöcher.
„Monsieur H.“, sagt mir Dr.Koschitz eines Nachmittags bei einem Freundschaftsbesuch im Büro, „ihr Herr Andert hat Energien. Grad vorhin wollte er zu mir in die Abteilung. Frau Kosopolskaya will hinaus, die Blumen im Foyer gießen, doch die Tür wird ihr aus der Hand gerissen. Draußen steht Herr Andert, sieht sie baff an und fragt sie, Frau Kosopolskaya, was machen Sie hier mit der Gießkanne in der Hand? Und Frau Kosopolskaya ist so erschrocken, daß sie auf Russisch antwortet. Er möge bitte beim nächsten Mal berücksichtigen, ich habe hier zarte Frauen in der Abteilung.“
Wenn er in die Kantine eine rauchen ging - immer erst am Nachmittag - immer die Frage, „Einen Kaffee?“

Geblieben sind drei Momente zuvorderst. Der erste, als meine Sense kam. Andert lapidar aus der Rezeption, Stellvertreter für 30 Minuten: „Herr H., ihre Sense ist da.“
Die zweite: „Herr H., stellen Sie sich vor, Frau Baldermann hat den Krieg erlebt und ihren Mann sterben gesehen. Wie schrecklich!“
Die dritte, zu Ostern: „Herr Andert, mal ehrlich; andere will ich mit der Frage nicht belästigen, aber wir hier sind privat. Was sagt ihnen der Herr aus Nazareth.“ Und Konrad Andert gibt mir im Büro eine Antwort. Dann geht er hinaus. Nach zwei Minuten kommt er wieder, ein Augenwinkel ist ihm feucht, und ergänzt: „… doch die Liebe währt am höchsten.“

Beim Abschied sein Abschiedswort: „Passen Sie auf sich auf. Verletzen Sie niemanden.“
So war Konrad Andert.


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