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Norma, die Strassenfegerin  

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(@Der Jahreskreis)
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Beigetreten: vor 11 Jahren
Beiträge: 35
16/03/2008 3:32 pm  

Ab fuenf Uhr morgens, sobald der Dieselgenerator wieder seine Arbeit aufnimmt, hoere ich vor der Haustuer den Besen fegen, puenktlich, ruhig und gleichmaessig, und ich denke wieder, "Sie ist es. Bewundernswert, wie sie es schafft, so unverdrossen zu ticken." Norma ist 31 und Mutter von zwei Kindern. Sie lebt ohne Mann, schon seit Jahren, unten am Ende der Calle Amazonas, dort wo die Vergessenen hausen und ihre eigene Gemeinschaft formen, im Dunstkreis der kleinen Quebrada Miraflores. Seit Josué Buergermeister geworden ist, kehrt sie die Gonzales Prada. Josué haelt etwas auf Sauberkeit, und das hat einigen Frauen Arbeit eingebracht. Norma kaempft um jeden Groschen, doch sie kommt durch. Ihr Leben ist karg. Ich war nie in ihrem Haus, es waere vielleicht bedrueckend. Ich weiss nicht, wie sie mit den Kindern lebt und wer sie besucht. Doch tagsueber, hier heroben, in der Strasse der Buergermeister und Lehrer, in der Strasse der Privilegierten, sitzt sie mal bei diesem und mal bei jenem. Sie ist wohlgelitten, erst recht, seit sie ruhig geworden ist. Heute spielt sie nicht mehr Fussball, zumindest nicht mehr aktiv. Vor ein paar Jahren noch war sie die wieselflinke Stuermerin der "Otorongillas" und schoss in jedem Match ihre Tore, meist mit dem Spitz. Sie war wirklich wieselflink und war die beste Dribblerin. Doch ihre Stunde kam, als sie unmittelbar vor dem Halbzeitpfiff zu Unrecht vom Schiri verwarnt wurde. Er pfiff zur Pause und sie ging zu ihm hin, um ihm die Meinung zu sagen. Da zeigte er ihr die Rote. Mehr brauchte es nicht. Obwohl um einen Kopf kleiner, verpasste sie ihm eine Faustwatsche. Das brachte ihr nach einem entwuerdigenden Polizeiverhoer - denn der Schiri fuehlte sich natuerlich verletzt - eine Sperre auf 2 Jahre ein, die wir dann, als die Saison sowieso schon wieder eingeschlafen war, auf ein halbes Jahr verkuerzten. Im Land der freigekauften Drogenbosse und Auftragskiller muss so etwas eine Lappalie sein.
Norma hat ihr Wesen bewahrt. Sie redet nicht laut, immer diskret, und blickt einen sehnsuechtig, doch ohne Hoffnung an. Die Frauen der Strasse verstehen sie gut. Seit sie die Arbeit hat, braucht sie nicht mehr um Arbeit bitten. Doch war sie sich nie zu schade dafuer. Norma hat nie geraucht, nie ueber die Straenge geschlagen. Sie lebte nie auf der Strasse, aber ihre Existenz war wirklich karg. Manchmal nicht einmal Fische im Topf, nur Kochbananen, das Brennholz dazu selbst geschlagen. Sie ginge auch im Wald arbeiten. Die Frauen, die alleine in ihren Stiefeln in den Wald gehen, sind an einer Hand abzuzaehlen. Die, die keine Angst vor den Waldgeistern und den Tieren haben, trotz Machete, sie fuerchten die Uebergriffe durch schamlose Maenner, vor allem, wenn diese zu zweit sind. Norma ging auch alleine nach Otorongo, ich erinnere mich, es war Arbeit fuer eine Woche.
Noch heute frage ich mich, wie machen sie es mit ihren Kindern, die sie oft eine ganze Woche alleine lassen. Die Antwort ist sichtbar: Ein Verband von Frauen kuemmert sich um die Bengel, und die sind gluecklich. Ein Wochenkindergarten. Norma hat schmachtende Augen, und doch erwartet sie nichts. Sie wird ihr Leben fristen, selbst wenn wir wieder in dunkle Zeiten zurueckfallen sollten. Wer Strassen fegt, Muell entsorgt, Klosetts putzt, Alte saeubert, der hat die Welt gesehen. Diesen Beitrag war ich dir schuldig, Norma, heute, zum Sonntag, weil du mich erinnert hast, heute um Fuenf.


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(@Moment des Menschen)
Mitglied
Beigetreten: vor 12 Jahren
Beiträge: 112
27/08/2015 6:36 pm  

Norma wieder bei der Arbeit

Grad vorhin sah ich sie wieder bei der Arbeit, meine untersetzte Pumpernickel-Norma, oben am Hauptplatz. Sie fegt wie eh und je, herzhaft, mit ihrem Keppi, das sie schon seit 20 Jahren trägt, in ihrer kurzen Arbeitshose und der blau-weißen Arbeitsweste. Das Kehren geht ihr leicht von der Hand. Es ist sofort ersichtlich, hier ist eine Profikehrerin und keine jüngst Angelernte am Werk. Sie hat den Blick für den Müll, den versteckten wie den offenkundigen. Sie kehrt strategisch. Sie tritt nicht selbst in den Müll wie manche andere. Ihre Arbeitsmut leuchtet von weitem. Sie grüßt entspannt. Ihr Eifer adelt sie. Sie spürt klar, daß ich es spüre. Und sie weiß, daß ich auch das weiß, und sie lächelt ganz entspannt beim Gruß.

Norma war, wie bereits früher gesagt, die Starstümerin meiner „Otorongillas“, dem Schrecken des lokalen Frauenfußballs. Sie dribbelte gekonnt und schoß mit dem Spitz, plaziert. Tor. Dann kam die Faustwatsche gegen den Schiri, eine berechtigte, und die Gefängniszelle (wie entwürdigend), aber wir ließen Argumente sprechen, die die Polizei überzeugten. Josue, der Obergauner, ist wieder Bürgermeister (auch er ließ am Wahltag Argumente sprechen), und er weiß wenigstens, was er all die Jahre an Norma verloren hat, nämlich ein sauberes Dorf, bewohnt von Landsleuten, denen Müll vollkommen, aber auch wirklich vollkommen egal ist, so wie ihnen auch Lärm und Benzindämpfe vollkommen egal sind. Ein Tropfen auf dem heißen Stein. Eine Alibihandlung mit dem Besen, doch mit Herz, Penibilität und Sachverstand ausgeführt. Und das, die arbeitende Norma wahrzunehmen, läßt diesen Tropfen der Arbeitshingabe hineinfallen in den nicht aufhellbaren Wahrnehmungskanal dieses apathischen, für Terrorbewegungen anfälligen Volkes. Ein Tropfen gelebten Glaubens in persönliche Arbeit. Arbeit, nicht Diebstahl.

Norma ist eine von uns. Sie hat mildtätige Augen, ein Vorbild an Mildtätigkeit, und eine sanfte Stimme, der man gerne zuhört. In ihrem Gesicht ist abzulesen: „Ich will arbeiten und meinen Lebensunterhalt verdienen um jeden Preis. Keine Arbeit ist mir zu schade.“ Sie ist jetzt am Hauptplatz eingesetzt, das will heißen, am wichtigsten Ort. Mit ihr vor dem Gemeindeamt kann nichts schief gehen. Josue weiß, Norma ist eine „Einserbank“, er braucht sie nicht zu kontrollieren. Sie ist die klassische Selbstläuferin, der menschliche Putzroboter, der indirekt sogar Werbung für ihn betreibt. Wir behalten diese bekömmliche Dame weiterhin im Auge und berichten, sobald es Nennenswertes von ihr zu erzählen gibt.


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