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Satan und Ischariot: Karl May in Guaymas, Sonora, Mexiko  

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(@w-himmelbauer)
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Beiträge: 277
04/10/2007 5:10 pm  

In dieser trostlosen Zeit der nie endenden Wuestenwinde, die einem beinahe den Atem versengen, wenn der Sonnenball ohne Wolkenschleier herunterbrennt und das Menschenauge, das sich zu ihm emporhebt, auf ewig blendet; in diesen Tagen des pulsierenden Blutes in den Schlaefen, wenn der Schweiss salzig in die Augen rinnt und du nicht einmal den Handruecken den Sonnenstrahlen preisgeben darfst, an einem solchen Tag, in einer solchen Durststrecke wirst du in einer staubigen Postkutsche stocksteif in Guaymas ankommen, und deine Zunge, die trockene, geschwollene, schmerzende, wird sich nicht bewegen in deinem Mund, wenn du aussteigst aus dem Gefaehrt, das dich ueber Tage hinweg durch Staubwirbel und dahinrollende Sandteufel hindurch befoerdert hat, und du nur das nicht endene, nicht durch den schlimmsten Durst einzuschuechternde Zurufen des Kutschers zu seinen Zugpferden, sein Zungenschnalzen, heiseres Gejohle und Burren, aus den Tiefen eines ausgetrockneten, doch lebendigen Brunnens heraufkommend, in den Ohren und im Gedaechtnis hattest. Verflucht hattest du deinen Heiland, der dir einredete, in diese Oase gegenueber der "Baja California" zu fahren, auf der Suche nach der finalen Inspiration.
"Welche Inspiration, in Teufels Namen?" fragtest du dich schlussendlich heimlich, als ihr am fuenften Tag im Chapparal der Sonora wiederum das Lagerfeuer entfacht hattet, du, der englische Tuchhaendler, der mexikanische Viehhaendler, der Pistolero und der Kutscher, der unrasierte, halb zahnlose, der nie seinen Hut abnahm und dessen Alter zeitlos war. Was hat dich nach Guaymas verschlagen, wenn du schon Geronimo nicht mehr helfen konntest? Willst du etwa Busse tun fuer deine uebersteigerte Selbsteinschaetzung? Was fechten dich die spitznasigen Lakaien des Westentaschengottes in ihren schwarzen Roecken und verdaechtigen Schlapphueten an, fuehlst du dich von deren metallenem Kreuz geblendet, ihrem wertvollsten Besitz, an dessen Glitzern sie, die Duennlippigen, sich mit ihren Augenwinkeln laben, wenn sie wissen, du betrachtest sie wie ein nichtsnutziger Unglaeubiger? Hast du deinen Stolz verloren, Sikarier, Messertraeger? Du, der du in deiner Jugend davon traeumtest, den wertvollsten Dolch des Dorfes deiner Heimat heimlich zu tragen, fuer Blutschwur und Blutrache? Welchen Judaslohn erwartest du dir noch in deinem Leben, wenn nicht die Ausstossung, die dir ohnehin nicht erspart geblieben waere, wie keinem von euch, nicht dem Andreas und nicht dem Petriner, und auch nicht der Heroentod, im Hagel der Pfeile der Yaqui oder im Kugelregen des Fuesilierkommandos der Zapatisten, die dich fuer einen Verraeter halten. "Stirb wie ein Mann und lass dich nicht zur Schau stellen wie Geronimo!" Du hast nicht den Mut und nicht die Weisheit des Apachen, doch du wolltest immer deren Verbuendeter sein. Was hindert dich also, meinem Kreuz abzuschwoeren? Das Kreuz ist vergaenglich, mein Freund, doch nicht dein Gedanke, selbst wenn ihn diese heisse Wueste davontraegt wie ein Gespinst und du dich nicht einmal entsinnen wirst, dass er noch vor einer Minute dein syphiliskrankes Gehirn durchkreuzte. Suchst du Heilung, mein Freund, geh' nach Guaymas! Iss von der koestlichen Schildkroetensuppe wie Doña Clara, und ansonsten nur Wasser, mein Freund! Verlier dein Gewicht und bitte Gott, er moege dir mit seinem heissen Atem alle Faulheit und Dummheit aus deinem verwesenden Leichnam blasen! Welche Erholung suchst du? Wusstest du nicht, dass es das Los jedes Auslieferers ist, sich mit dem Geist der Hingemeuchelten zu versoehnen und so zu werden wie sie? Hast Du nicht das Wort gehoert, in Gethsemani, Du, im Fackelschein, wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen? Glaubst du denn, das Schwert schwebe nicht ueber dir? Das Fallbeil?

Guaymas, Guaymas, Heimat des Mythos. Zeitlose Heimat, am Rand der Sonora, in deiner Bucht. Guaymas, Dorf der Fischer. Am Abend brechen sie auf und fahren hinaus, zum Langustenfang. Auf ihren Kaehnen glimmt die Sturmlampe. Sie luemmeln an der Bordkante und blicken zurueck in die schwarze Bucht, zu den Haeusern ihrer Frauen, bis die Dunkelheit alles verschluckt. Der Mond steht ueber dem Wasser, silbern, verherrlicht, niemand wird ihn je anruehren. Du, Mann im Mond, was wirst du jetzt sehen, wenn nicht die Gloriole der Majestaet, und uns, die, die im Schatten leben?
Guaymas, Guaymas, Heimat der Schriftsteller. Niemand wird sich in deinen Mauern das Leben nehmen, niemand den kalten Lauf an die Schlaefe setzen.
Guaymas, Guaymas, Sendbotin der Traeume. In einem und allem, immer wirst du uns troesten. Deinen Namen sprechen wir aus, traenenverhangen. Der Vollmond glitzert ueber der Bucht, und die Geschichte steht auf. Neu. Auf grauen Hengsten kommen sie dahergeprescht, lautlos, und springen ueber die Mauern der Gaerten. Sie ziehen ueber den Glockenturm und zuegeln die Rosse auf der Plaza de Armas. Mit nacktem Oberkoerper, ohne Sattel. Nur die Unschuldigen und Traeumer sehen sie, die Boten, die unsterblichen. Der Mond rief sie aus ihren Graebern, und der Wind, der lockende. So nehmen sie die Stadt ein und mit ihr alle Reisenden. Geronimo, deine Soehne. Mapuches aus der Tierra de Fuego und Yaquis aus Ciudad Obregon. Was haette Bruce Chatwin darueber gelacht! Er waere vor die Tuer seines Hotels getreten, ja auf die Plaza Mayor hinaus. Er haette zu dem einen vor ihm hochgeblickt, ueber die Nase der grauen Falbstute, und er haette dasselbe gedacht: "Sie sind nie untergegangen!" Und sie haetten einen Gruss gewechselt, aus wilden, gezuegelten Augen, in der Tiefe der Nacht, wo nur andere Reiter Zeugen sind, unbezwingbare.
Und ein einfacher Tor, ein Traeumer aus Radebeul, ein Schreiber, haette in seiner Tiefe der Nacht, am Schreibtisch, das Rad der Zeit vor sich gesehen. Und er haette es nicht bemerkt, das Beschenkt-Werden.


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