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Thor Heyerdahl, Navigator


(@Anonymus)
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Seit 1985 liegt im Oslo-Fjord Kon-Tiki 2 vor Anker. Es wird aufbrechen, wenn die Zeit Illa-Tikis, des Feuers, gekommen ist. Dann wird es nicht nach Barbados, nicht nach Polynesien, nicht in den Indischen Ozean gehen. Dann wird Kon-Tiki, der Hohepriester der Sonne, sein Gefaehrt und mit ihm seine Gefaehrten auf die Strasse des Lichts fuehren, an Spitzbergen, Groenland und dem Vorhang des Nordens vorbei, hinauf zum Grossen Wagen. "Jakten pa Odin" wird am Bug geschrieben stehen, und alle, die an der Reeling stehen, werden rufen "Ingen grenser". Ohne Grenzen. Und es werden nicht Hundertvierundvierzigtausend sein.
Es wird ein Leuchtfeuer am Himmel stehen, zwischen unserer Lebensspenderin und deren Bruder, Alpha Proxima Centauri, es wird Pallas Athene sein, die Weise, mit ihrer Fackel, ihr zu Fuessen Thor Heyerdahl. Ein Mensch neben einer Titanin.

Als der Stolz des Habsburger Hauses Rache schwor, wurde Thor Heyerdahl im kleinen Kuestenstaedtchen Larvik im Sueden Norwegens geboren. Er hatte das Meer immer vor sich. Er war inspiriert. Die englische Marine liess ihn, den Freiwilligen, nicht in den Krieg ziehen, er sollte als Kellner im Offizierscasino Dienst versehen. Das lehnte er ab. Die Verweigerung brachte ihm Unbill ein, - nicht zum letzten Mal.
Etwas musste ihm den grossen Horizont ermoeglicht haben. Schon vor dem Studium der Zoologie und Geographie. Er verbrachte ein Jahr mit seiner Frau in der Suedsee, wie Gauguin. Dort traf er auf weisse, rotbaertige Ureinwohner, deren Ueberlieferung auf Schiffahrer aus der Urzeit zurueckging.
1947, nach dem Studium der Inka-Ueberlieferungen, die sich auf Con-Tici Viracocha beriefen, den Sonnengott und Leiter eines weisshaeutigen Stammes, der den Inkas voranging und ihnen Architektur und Zusammenleben lehrte ("Sie kamen im Morgen der Zeit", schreiben die Inkas), brach er von Callao auf einer Balsa aus Schilf vom Titicaca-See nach Polynesien auf. Er wollte nachweisen, dass der Pazifische Ozean nicht nur von Asien aus besiedelt worden war. Die Inka-Schriften berichten von Kon-Tikis Niederlassung an den Ufern des Titicaca-Sees, wo sie ueberdimensionale Steinbauten errichteten. Die weissen Goetter wurden von Carri, einem Wilden aus dem Coquimba-Tal, angegriffen und besiegt. Kon-Tiki fluechtete sich mit Wenigen zu den Ufern des Pazifiks, in dessen Weiten sich die Spur des geheimnisvollen Stammes verliert.

Heyerdahl landete nach 101 Tagen auf Tuamotu. Ueber 20 Jahre sollte die Suedsee seine Heimat bleiben. 1954 und 1956 weilte er, neben vielen anderen Forschungen im Ostpazifik, auf Gal?pagos und der Osterinsel. 1969 dann die unvergessliche Expedition mit "Ra 1". Von Nordafrika aus auf einem Papyrusfloss nach Suedamerika. Er war der Ueberzeugung, dass die Vielzahl der Pyramidenbauten im Atlantik ebenso von seefahrenden Aegyptern und deren Nachkommen stammte wie die Bauten der mexikanischen und peruanischen Hochkultur. Spuren auf 500 Jahre vor Christus zurueck. Der erste Versuch scheiterte, der zweite nicht. Nach 57 Tagen landet der Wikinger auf Barbados.

1978 wollte Heyerdahl nachweisen, dass selbst die erste Hochkultur der Menschheit, die Sumerer, (die Atlanter lassen wir an dieser Stelle einmal aussen vor) vor 5000 Jahren bereits weite Reisen am Meer unternahmen. Auf Floessen aus Zuckerrohr. Als er das Rote Meer kreuzt, entschliesst er sich, aus Protest gegen die Kriege an dessen Ufern sein Unternehmen abzubrechen und verbrennt das Floss.

Heyerdahl war der etablierten, pensionsbedachten Lehrstuhlwissenschaft ein Kloss im Hals, doch das focht ihn nicht an. Zur Jahrtausendwende erhob ihn sein Heimatland zum "Norweger des 20.Jahrhunderts" (hierzulande ist der "Peruaner des Jahrtausends" ebenfalls ein Seefahrer, Admiral Grau, ein Heros, der in der Seeschlacht von Iquique sein Leben liess).

3 Jahre vor seinem Abschied schrieb Heyerdahl "Ingen Grenser", "Ohne Grenzen". Am 18.April 2002 starb er im 88. Lebensjahr in Alassio in Italien an einem Gehirntumor, den er partout nicht behandeln lassen wollte.

Sein Museum samt der Kon-Tiki steht nicht unweit jener Uferpromenade, an der Edvard Munch sein beruehmtestes Bild malte. Wenn Kon-Tiki 2 aufbricht, wird niemand der Argonauten an Bord einsam sein. Sie werden gemeinsam nach vor zeigen, in die Gischt der Freilassung, und sie werden zu einem stummen Schrei ansetzen, emporgehoben, eins mit dem Wind.

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(@w-himmelbauer)
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Die Barke der Toten

 

Welch liebliches Eiland sucht mir Gott Hades, auf daß dort unsere Barke anlege, in Frieden, weltabgeschieden und doch noch in dieser Welt, dieser Welt, die einmal die unsere war und die immer noch die unsere ist, denn ihr gilt unsere unverbrüchliche Liebe, und Liebe erst recht zu jenen, die uns noch zu Lebzeiten liebten, ohne daß wir es uns eingestehen wollten. Wohin ist die Zeit der Feiern, wohin die Zeit der Herrlichkeit, als wir Freunde waren in Beruf und Alltag, mißverstanden und verkannt nur allzu oft, und so wird uns die Zeit verrinnen und bleiben uns nur Erinnerungen, glorreiche Erinnerungen der Wegkreuzungen, der Begegnungen, des ewiglich Einzigartigen, des niemals mehr Wiederkehrenden. Ach, wo seid ihr hin, goldene Zeiten? Ach, wo seid ihr hin, all ihr Guten, ihr Bekannten, ihr Freunde des Tages, wie er im Kalender stand. Wohin zieht unsere Barke, diese Barke des Lebens, die sich mit Toten belädt? Wohin, wenn nicht nach Otorongo, dem stillen Kloster mitten im Wald, wo wir durchkreuzen Sinn und Ort, in der Dunkelheit flackernden Lichtes, im gesteigerten Bewußtsein, das Stille ist? Denn in der geheiligten Feier, am Ort der Kathedrale, eröffnet sich uns ein Licht, ein Tor, das uns Einlaß gewährt, hindurch in die Welt von euch Lebenden, die ihr im Dunkeln sitzt und uns willkommen heißt. In eurem Schlaf heißt ihr uns willkommen, ihr guten Freunde, du guter Freund. So kehren wir wieder und nehmen Platz, an eurem Tisch, der runden Tafel der Ritter, und wir dürfen euch erzählen vom heiligen Gral, dem heiligen Kelch, der sich selbst uns Toten noch nicht gezeigt hat. Auch wir, müßt ihr wissen, warten noch immerzu, warten auf das Kommen des Herrn. Auch uns hat der Strahlenkranz noch nicht umfangen, nur die Stille der Ewigkeit, denn sie ist es, die uns alle Torheit erkennen hat lassen, und so sind wir kommen, um Dank abzustatten und das Gastrecht in Anspruch zu nehmen, das ihr uns gewährt, ihr hier in diesem Kloster. So kommen wir voll der Erinnerung und nehmen Platz an diesem festlichen Tisch, auf daß unser aller Gemüt erhoben werde. Amen.

(In memoriam Dr.Felix Koschitz, Adolf Deutschbauer, Renate Kürner. Reverenzerweisung an Susanne Frühmann)

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(@w-himmelbauer)
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Anleitung zum Unglücklichsein

Paul Watzlawick, ohne daß ich ihn damals persönlich gekannt hätte, war mir von Anfang an sympathisch. Das lag am Stil, wie er schrieb (Stil ist mir zuweilen wichtiger als Inhalt; tatsächlich), doch genauso am Sujet, der menschlichen Kommunikation. Es ging ihm von Anfang an um die menschliche Kommunikation, und es war von der ersten Zeile an manifest, daß Watzlawick hier von etwas schrieb, was sein Lebensthema war. Lebensthemen sind doch allemal studierenswert. Die Liste der jeweiligen Lebensthemen jener Schreiberinnen und Schreiber (oder noch besser: Forscherinnen und Forscher) meiner weiteren Generation ist allemal lang und sehr wohl auch breit. Es ist der Mühe (nein, es ist keine Mühe!) wert, hier einmal innezuhalten. Die Themen, die all diese Denkerinnen und Denker in ihren Bann geschlagen hat, umfaßt das Spektrum der Geisteswelt. Wir könnten im philosophischen Rahmen auch von "Ideenwelt" sprechen. Ideenwelt und "Lebenswelt". Zu meiner Lebenswelt gehört nicht die Welt des Geldes und nicht jene der Technik, nicht die Welt der Analyse des Lebendigen, wie z.B. in der Biochemie. Was mich an Lebensthemen interessiert, ist deren Kraft, die jeweiligen Personen in ihren Bann zu schlagen. Ein Proponent par excellence wäre z.B. Stephen Hawking (+14.3.2018). Ein vollkommen gelähmter Astrophysiker, wohnhaft in Cambridge (zu Lebzeiten). Seine Gedanken, die sich in seinem Forschungsgebiet, dem Kosmos und dessen Kräften (heißt: Gesetzen), entwickeln, haben etwas Phänomenologisches, gleichermaßen Verwegenes wie Unschuldiges. Verwegen sind Hawkings Gedanken allemal. ("Weil es ein Gesetz wie das der Schwerkraft gibt, kann und wird sich ein Universum selber aus dem Nichts erschaffen. […] Spontane Schöpfung ist der Grund, warum es statt des Nichts doch etwas gibt, warum das Universum existiert, warum wir existieren.") Hierin lassen sich unbezweifelbare Parallelen zu Einstein ziehen. Raum, Zeit und Lichtgeschwindigkeit in einen Zusammenhang und erst recht in eine Formel zu fassen, ist durch und durch verwegen. Dazu gehört absolute Freiheit der Vorstellung. Absolute Freiheit, was zugleich Freiheit des Denkens und, in gewissem Sinne, Angstfreiheit bedeutet. Doch hinter, oder besser: über diesem an seinen Rollstuhl verunstaltet gefesselten Forscher schwebte ein doppeltes Verhängnis schwerwiegender, gänzlich anders strukturierter Art: Jenes seiner Krankheit (die er nie essentiell thematisierte; öffentlich) und jenes seiner beiden gescheiterten Ehen, die für sich bereits seltsam anmuten und vielleicht nur durch gewisse englische Eigenheiten erklärt werden könnten. Ein vollkommen Gelähmter und ebenso Sprachunfähiger wird von zwei Frauen geheiratet und lebt mit diesen (sukzessiv, selbstverständlich) insgesamt 40 Jahre zusammen. Die erste, Jane Wilde, gebärt ihm drei Kinder (Sonderthema der Medizin). Was war der Scheidungsgrund? Darüber findet man nirgendwo eine Randnotiz. Das ist typisch in diesem Fachbereich der ehelichen Konflikte. Was, wenn jede noch so sophistische Paartherapie scheitert, ja geradezu zum Scheitern verurteilt ist? Neben allen (vorgeblichen!) Primärthemen finden sich nachgeschobene Themen, die als Fragen sofort tabuisiert werden. Was treibt einen bisexuellen Politiker in theatralischen Selbstmord? Was treibt eine Grande Dame der Finanzwelt in die Homosexualität? Überall Tabus. Fragen sind nicht erlaubt. Nicht öffentlich. Der Grad der Grenzüberschreitung solcher Tabus kennzeichnet die jeweiligen Fragenden. Je nach radikaler Gesinnung verwenden diese Denkenden bezeichnende persönliche Sprache. Bei unseren unvergessenen Dichterinnen und Dichtern nachzulesen. Christine Lavant (+7.6.1973), die noble Nachtwächterin aus dem Kärntner Lavanttal, etwa wurde wegen ihrer Melancholie mehrmals in die psychiatrische Klinik in Klagenfurt eingeliefert. Ingeborg Bachmann wurde inmitten ihrer schweren seelischen Verwerfungen (wirklich schweren Verwerfungen) medikamentensüchtig. Sie dämpfte ihre Zigaretten am eigenen, empfindungslos gewordenen Fleisch aus. Das Thema, das sie jedoch nie behandeln wollte, war ihre Nymphomanie, diese ungebändigte, sie phasenweise überkommende Lust, geradezu ein Rasen. Ihr Lebensweg war einer der Unrast und der Brüche, so wie gerade jener mit Max Frisch. Und in eine solche Welt der Verwerfung sieht sich ein junger Bursch aus Villach geboren. Als er 17 ist, wird sein Heimatland Österreich den Faschisten unter Johlen übergeben. Der junge Mann kann sich so wie sein Vater mit der Annektierung durch die Kriegshetzer nicht und nicht abfinden. Er maturiert mitten im Krieg, wird eingezogen und schließlich wegen seiner sichtlichen Anglophilie als Übersetzer für englische Kriegsgefangene eingesetzt. Er weiß untrüglich, hier geschieht Mord, und beginnt falsch zu übersetzen. Ein Widerstandskämpfer der eigenen Art. Er wird verhaftet. Das Kriegsende und ein ihm in Stuttgart gewogener Gefängnisaufseher bewahren ihn vor dem KZ oder gar der Guillotine. Der Idealist und Einzelkämpfer wird befreit und zieht fort, so weit als möglich fort vom Land der Opportunisten und insgeheimen Mörder. Watzlawick lebte, als ich ihn kennenlernte, bereits in Palo Alto. Freund Helmut Kohlenberger erwähnte ihn in seiner Montagabendvorlesung zum ersten Mal. Sinngemäß war sein im tschechisch gefärbten Schwäbisch vorgetragener Kommentar folgender: "Watzlawick hat sich in das Labyrinth der menschlichen Kommunikation vorgewagt. Das ist anderer Stoff als bei Konrad Lorenz. Menschen sind Mörder, Graugänse nicht. Man darf ihm viel Glück wünschen. Als Villacher weiß er von der Gesinnung der Waffen-SS ein Lied zu singen, von der Schizophrenie der Kärntner. Man muß kein Arzt sein, um dies festzustellen. Es ist offenkundig, daß er das Zentralthema sofort anstößt: Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Das ist doch wohl die Zentralfrage. Doch wohl. Ein Denkender kommt um diese Frage nicht herum. Und alle Anderen sind nichts wert. Wer für diese Frage nicht zu sterben bereit ist, den kann man vergessen. Hier endet die akademische Sicherheit." Und wir alle nickten merklich oder unmerklich. Hier gesteht ein Nonkonformist das, was ihm unter die Haut geht. Bravo! Kohlenberger kam zwei Vorlesungen später nochmals auf Watzlawick zurück: "Die Philosophen haben alle, ohne Ausnahme, noch ein Thema in der Hinterhand, das ihnen unter den Nägeln brennt: Es ist die eigene Konformität, ihre bürgerliche Existenz, ihre Familie. Ein Philosoph mit Familie ist das typische Erscheinungsbild der Dekadenz. Die Grenzgänger, dem entgegengestellt, sind die pfeifenrauchenden Schreibtischtäter wie Bloch oder Sartre. Das ist eine Hypothek. Machen wir uns nichts vor. (Wiederum allgemeines Nicken). Die Zeiten der geistigen Umnachtung, des Suizids und des Lebens in Armut sind vorbei. Wer will sich das heute noch einhandeln? Das Höchste, das wir antreffen, sind mehrfach gescheiterte Ehen, wie bei Paul Watzlawick. Das Schicksal eines Schönlings, dem eine Hundertschaft von Frauen nachträumt. Das Schlimmste, was einem Philosophen passieren kann! Hundert sehnsuchtsvolle Frauen, die ihn bis in den Schlaf verfolgen. Das blieb Kierkegaard und Nietzsche erspart. Besser, einen körperlichen Kretin, der an chronischem Asthma, Diphterie oder asozialer Hypochondrie leidet, abzugeben, als einen Hochbegabten, dem die allergrößte Absurdität nicht erspart bleibt, nämlich die, mit Schizophrenen zu arbeiten und Zuhause ein tägliches Inferno zu erleben. Dann dürfen wir uns mit Recht fragen: "Was ist Gewalt? Wo fängt sie an?" Es ist doch nachvollziehbar, wenn jemand wie Jean Améry zu all dem "Nein" sagt." Diese Aussage meines fernen Freundes H.K. erfolgte 1977, ein Jahr vor Amérys Selbstmord in Salzburg. ("Wer abspringt, ist nicht notwendigerweise dem Wahnsinn verfallen, ist nicht einmal unter allen Umständen gestört oder verstört. Der Hang zum Freitod ist keine Krankheit, von der man geheilt werden muß wie von den Masern. Der Freitod ist ein Privileg des Humanen.")

Watzlawick lernte ich also etwa 1982 kennen. Es war ein Abvendvortrag. Der Hörsaal war zu - mit Sicherheit - zwei Drittel mit nichtstudentischen Damen gefüllt. Ich staunte nicht schlecht. Die ersten drei Reihen gehörten ausschließlich den Damen. Eine Professorin, Psychologin, hatte ein großes Blumenbouquet vorbereitet, das sie ihm nach dem Vortrag mit glühendem Gesicht überreichen sollte. Andere Damen schlossen sich ihr an. Es war leicht peinlich. Der Herr aus Amerika wie in einer Gärtnerei. Der Podiumstisch mit 5 Bouquets drapiert. Anscheinend passierte ihm dies nicht zum ersten Mal. Ich machte, daß ich davon kam. Seine Manieren hatten mir die Augen geöffnet. Es waren die Manieren eines erfahrenen, eleganten Zynikers. So zumindest meine Interpretation. Er tat mir leid. Watzlawick war ein Gefangener seiner selbst. Er konnte nicht mehr anonym wegtauchen. Er hatte die Frauen, die ihn verfolgten. Er hatte seine Geschichte (fünf gescheiterte Ehen), die ihn verfolgte. Dieser Forscher, ein Nonkonformist in der Anlage, war seinem Profil nach ein Dressman, ein Hollywoodstar, der Frauen zum Kreischen bringt, sosehr er auch versuchte, nüchtern von seinem Forschungsgegenstand zu berichten. Dieser Abend öffnete mir endgültig die Augen. Watzlawick redete frei. Er assoziierte. Er konnte aus dem Vollen schöpfen. Es war klar, er war die Verkörperung dessen, was er sich selbst ein Leben lang fragte. Er befragte sich selbst, nicht Gott (egal welchen). Er verfügte über begnadete Ruhe. Er las die Gedanken der Frauen, so auch jene der Professorin an der Kante in der zweiten Reihe, die wie ein Groopy an seinen Lippen hing. Sein Anzug mit Krawatte und goldener Krawattennadel samt Kette war maßgeschneidert. Er hätte dem topgestylten Tom Cruise in der Ehrenloge an den beiden Tagen der Finalis von Wimbledon 2021, der den Gewinnern Ashley Barthy und Novak Djokovic für Momente die Show stiehlt, an Ort und Stelle den Rang ablaufen können. Nur eben ohne Sonnenbrille, dafür lässig an das Rednerpult gelehnt und von eben diesem dort ebenso lässig mit der Handkante unsichtbare Staubflinselchen wegwischend. Die Geste wirkte eingeübt, doch nicht manieriert. Sie unterstrich den wie traumhaft wirkenden Satzaufbau. "Wollen wir nicht versuchen, uns einmal zu konzentrieren und solchermaßen zu reduzieren? Was ist faktisch? Können wir überhaupt vom Faktischen reden? Ist es nicht vielleicht unser größtes Vergehen, das Faktische anzustreben, so wie die atomare Kettenreaktion? Und dennoch! Gerade dennoch: Die eigentliche Ursache des Leids liegt in unserer Unwilligkeit, Tatsachen als reelle Tatsachen und Ideen als bloße Ideen zu sehen, und dadurch, dass wir ununterbrochen Tatsachen mit Konzepten vermischen. Wir tendieren dazu, Ideen für Tatsachen zu halten, was Chaos in der Welt schafft. Das Chaos ist ein interhumanes Phänomen, eine unausrottbare Geißel. Was, wenn nicht das Chaos, hat lebensvernichtende Kraft? Ich meine, kollektiv. Monadisch sowieso." Er blickte wie gelangweilt ins Publikum hoch. Zwischen ihm und der ersten Reihe waren nur zwei Meter. Für diesen Blick, den er in diesem Moment zur Schau trug, applaudierte ich ihm. Er gestattete dem aufmerksamen Zuhörer, seine Gedanken zu lesen. Er wandte sich an seine Leser, und mehr noch, an die Mitdenkenden. An die Mitforschenden. An die Mitleidenden, auch wenn er selbst nicht die Miene eines Leidenden zur Schau trug. Das war inhärent unmöglich. Er, die Verkörperung der Eleganz vom Scheitel bis zur Sohle, von A bis Z sich in seinem Vortrag bewegend, ja vielleicht sogar genießend. Eleganz, so wie, auf Frauenseite, Sophia Loren oder Claudia Cardinale. Das Mittelmaß war kategorisch ausgeschlossen. Kein viktorianisch-monogamer Viktor Frankl mit übergroßen Brillen im US-Fernsehen. "Wie begegnen Sie einer Geisteskrankeit?", fragte er rhetorisch. (Dafür notierte ich gleich wieder wie unter Zwang einen Minuspunkt, denn die Frage war weder originär noch originell. Watzlawick war kein Arzt und hatte nicht wie Ronald D.Laing mit Schizophrenen in Kingsley Hall zusammengelebt. Völlig undenkbar bei diesem Schönemann!) Die Frage war rhetorisch. Das stieß mir sauer auf. Watzlawick war keine Forensiker. Keine Mörder in Handschellen und unter Dauermedikation, die ihm von Wärtern mit schweren Elektroschockern am Gürtel in der Hochsicherheitsanstalt vorgeführt werden. Und unscheinbare Serienkiller in Zivil waren ihm mit Sicherheit noch nicht untergekommen, weder in den Staaten noch sonst wo. Seine Antwort versöhnte mich jedoch augenblicklich, und diese Wendung meiner eigenen Gefühlsbefangenheit (oder noch besser: Befangenheits- und Versöhnungsbereitschaft mit dem eigenen Illusionismus) erstaunte mich leichthin. Ich notierte den Satz wie im Vakuum, zeit- und ortslosgelöst. "Die Geisteskrankheit ist verknüpft mit dem Wort. Das Wort ist der Antrieb." In diesem Moment, es konnte ja gar nicht anders sein, hob ein Zuhörer wie unter Zwang seine Hand: "Herr Professor, gebraucht das Böse - um in einer Terminologie der Religionen zu sprechen - das Wort? Gebraucht das Dämonische das Wort?" Kaum hörte ich die Frage, schon genierte ich mich. Ein typischer schrulliger Wiener. Es war klar, der Herr Professor mußte sich durch solch krude Ausdrucksweise und krude Geistesverfassung inkommodiert fühlen. Doch nein, er registriert die Frage und ihren erweiterten Kontext wie ein Grandseigneur, und sie verlangt ihm nicht einmal eine Sekunde des stummen Nachdenken ab. Seine minimalistischen Körperbewegungen des entspannten Angelehntseins werden nicht einen Millimeter korrigiert. Die Assoziativität seiner Antwort wirkte wie ein besänftigender Schlag in mein Kontor, denn ich verstand diese Episode als die Klimax des heutigen Abends. "Was auch immer Sie unter Dämonisch verstehen, Herr Kollege (ecco!), wir dürfen eines nicht aus den Augen lassen: Wir haben es hier mit dem Leiden zu tun, mit menschlicher Qual. Wenn mich Reden quälen, habe ich Handlungsbedarf. Und leider kann ich nicht ständig vor mir selbst fliehen. Was also tun, wenn Flucht nicht mehr möglich ist? Mich mit der letzten Kugel erschießen? Doch damit ist die Qual nicht gelöst. Das Elementare unserer Existenz ist eine Ekstase. Die Selbstüberschreitung. Sie wissen, was ich meine." Das Wort "Ekstase" öffnete in mir in diesem Augenblick eine Schleuse, die bis zum heutigen Tag offen geblieben ist. Und dafür gebührt ihm mein Dank, heute und immerzu. Watzlawick damals zeigte seinerseits plötzlich wohltuendes Grinsen, so als ließe er sich von hoch oben ansatzlos, wie aus Spaß, in ein Gummiseil fallen. Bübisches Grinsen, möchte ich sagen. Unverstelltes, befreites Grinsen, wie ich es noch nie bei einem Herren seines Formats gesehen hatte. Er machte mit diesem unübertrefflichen Bombensatz Schluß und ließ keine Fragen mehr zu. "Wir brauchen uns jetzt nicht mehr verwickeln, wie es sonst üblich ist. Genug geredet!", war der Schlußpunkt. Ich zog ab und ließ ihn mit der himmlischen Damenschar allein. Das letzte, was ich an ihm sah, war seine augenblickliche, camäleonhafte, nahtlose Verwandlung zum geübten Conférencier wie Leonard Cohen oder Udo Jürgens in ihren besten Zeiten in der Garderobe nach dem Konzert.

 

Credit: Gamma-Rapho via Getty Images/Ulf ANDERSEN

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