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Victor Pérez, der Bucklige


(@Anonymus)
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Posts: 117
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Vorgestern abend um 9 starb "der Bucklige", Victor, so wie Gino el Loco ein bettelarmer, vereinsamter, erbarmungswuerdiger Freund. Victor stammte aus Puno, der Stadt des Inkagoldes. Mit 18, schon verheiratet und Vater, wurde er zum Militaer eingezogen, kam nach Iquitos, damals eine Grenzgarnison im Konflikt mit Ecuador. Damals traten sie die Rekruten mit Stiefeln und liessen sie von 10 Meter hohen Geruesten hinabspringen, zur Mutprobe und als Simulierung fuer den Kampf im Urwald. Pedro Guerra und Luis Panduro koennen ein Lied davon singen.

Victor schlugen sie zum Krueppel, brachen ihm das Kreuz und ruinierten sein Trommelfell. Er war taub. Mit der Taubheit und den Schlaegen verlor er auch noch die Sprache. So kam er nach Tamshiyacu, gestrandet, der Zukunft und der Moeglichkeit beraubt, zu seiner Familie zurueckzukehren. Er sah sie nie mehr wieder. Er hauste in einer kleinen Huette am Dorfrand, dort, wo sich heute das Fussballstadion befindet. Der Buergermeister kuemmerte sich nicht um den Alten, ein vernachlaessigenswertes Hindernis auf dem Weg zur Realisierung eines Prestigeprojektes. Man enteignete ihn, gab ihm ein anderes, minderes Grundstueck. Die Nachbarn stahlen ihm die wenigen Fruechte. Eines Tages kam er zu uns, zum Ausruhen. Wir verwahrten seine Dokumente, zur Sicherheit. Er krempelte sein Hemd um, trennte die Naht auf und fischte einen Umschlag hervor. Ein Foto seiner jungen Frau. Er weint.
Vor 5 Tagen komme ich aus Iquitos zurueck. Eine Stimme sagt mir, heute gehst Du nicht diesen Weg, sondern den andern. Dort treffe ich auf Victor, sein Gesicht beruehrt fast den Boden, ich lade ihn ein. Betzabe, seine Samaritanerin, liebkost ihn.
Victor war erst in den 50ern, wirkte aber wie ein spaeter 70er. Er war leichtgewichtig, kleingewachsen, ein Hauch, sein Schritt trotz aller Schmerzen stramm. Sein Haar war braun geblieben.

Gestern um 4, der Kondukt war erheblich, begruben wir ihn, er hat einen wunderbaren Platz, reine Lehmerde, golden braun schimmerte sie im Schein der sich senkenden Sonne jenseits des Flusses. Die Frauen beteten das Glaubensbekenntnis, das Vater unser und das Ave Maria. Warum nur will man die Fortgehenden, die reine Armut, erst dann kuessen, wenn sie im Sarg liegen? Wohl, weil man ihm nichts sehnlicher wuenscht als das Himmelreich.

"Kommt alle zu mir, die ihr muehselig und beladen seid". Keiner mehr als Victor.


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