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Wir werden alle in Los Angeles sterben  

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(@w-himmelbauer)
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Beigetreten: vor 14 Jahren
Beiträge: 277
15/10/2007 4:50 pm  

Aus dem Don Carlos-Zyklus.

Als Osho Bhagvan Shree Rajneesh in einem Gefaengnis in den Vereinigten Staaten starb, war es ein Schock fuer seine Anhaenger, besonders jene, die in seinem naechtsten Umkreis gelebt hatten.
Als John Lennon von einem geistig verwirrten "Fan" vor seiner Wohnung in Manhattan erschossen wurde, war es ein Schock zum europaeischen Morgenfruehstueck. Der Unfall von Jochen Rindt in Monza geschah an einem Samstagnachmittag, dem 5.September 1970. Die motorsportbegeisterte Jugend Oesterreichs lag daraufhin in Agonie.
Wenn Agustin Rivas eines Tages gehen wird, wir es eine Bewegung in der Luft geben. Natuerlich bei weitem nicht so stark wie bei Tenzin Gyatso, dem 14.Dalai Lama, aber immerhin ein Beben. Manche in Europa werden ihm eine Kerze anzuenden, denn am Alten Kontinent hat er Freunde, die ihm besonders nahe stehen. Es wird ein Beben in der Luft geben und nichts mehr wird sein wie zuvor. Wie beim Vater, der geht. Danach ist alles anders.

Bei dem exemplarischen Mann aus der Stadt der Engel war es eine tektonische Verschiebung, deren Nachzittern bis heute anhaelt. Die Mitarbeiter von Cleargreen leiden noch heute an seinem Verlust, denn dieser kam voellig unerwartet, galt er doch als faehig, den Tod in einer magischen Form zu transformieren. Insgeheim erhofften sie und die Praktizierenden von "Tensegrity" von ihm das Wunder der "Grossen Ueberquerung", nicht unaehnlich dem Glauben mancher Sektenmitglieder, die in den vergangen Jahrzehnten teilweise zu Hunderten den Massenselbstmord begingen, so wie 1978 die Anhaenger des Jim Jones in Britisch-Guyana.
Der Mann aus der Stadt der Engel, brasilianischer Herkunft, ein Magier mit Charisma, er hatte es mit seinem Freund Rodrigo Cummings bereits zu Studentenzeiten an der UCLA ausverhandelt: Die Liebe zu dieser Stadt wuerde sie alle das Leben kosten. Es war eine Liebe so wie jene Wim Wenders' zu Berlin, dessen Film vielleicht das beruehrendste Denkmal darstellt, das ein Filmemacher einer Stadt setzen konnte (unter Mithilfe eines amerikanischen, verschrobenen Magiers, Peter Falk, "Columbo", Schachliebhaber. Und natuerlich mussten sie ein solches Werk in Hollywood abkupfern, mit Nicolas Cage und Meg Ryan, und nach L.A. verlegen. Ein Abklatsch.)

Sich Castaneda zu naehern erfordert genaues Studium seiner Buecher. Genaues, jahrelanges Studium, und eine gewissenhafte, lebenslange Praxis. Praxis ist alles im Schamanismus.
Der wahre, mystische, in seiner Geheimnistiefe unergruendliche, ja furchterregende Schamanismus ist ein lebenslanges Werk bis zur Erschoepfung, bis zur Ausloeschung, unter dem Mandat des Heiligen Geistes, dem niemand entfliehen kann, nicht einmal der Menschenschlaechter Saulus in uns. Bis zu den letzten Sekunden unseres Lebens, wenn wir den Kopf freiwillig auf den Richtblock gelegt haben und unser letztes Wort "Christus!" sein wird, so wie bei Paulus. Derart bewusst zu sterben ist Erleuchtung. ("Ich sage Dir, noch heute wirst Du mit mir im Paradiese sein").
Wenn Agustin sterben wird, ohne Zeugen, wird es ein Wort von seiner Seite und ein Licht von der anderen Seite, vielleicht ein Feuer, geben, und es wird ein Beben in der Luft einsetzen, eine Welle, und die Voegel werden es uns kundtun: "Agustin ist tot!" Und wir werden in uns gehen und weinen, und manche werden beten, und im Stephansdom zu Wien werden wir Kerzen fuer ihn anzuenden, und er wird uns erscheinen, so wie er es uns versprochen hat.
Als Castaneda starb, unter welchen Umstaenden auch immer und was auch immer sein Fortgehen zu bedeuten hat, und egal, ob er nun in Culver City eingeaeschert wurde, es war eine geraeuschlose Implosion, die seine Entourage bis ins Mark erschuetterte, sosehr, dass sie binnen Monaten alle verschwanden, bis zum heutigen Tag, jene aus der ersten Reihe, seine Kampfgefaehrten, die Allertreuesten. Als letzte ging Carol Tiggs, seine engste Mitstreiterin, eigentlich die Pallas Athene im Club, sie, die sich in der Oeffentlichkeit immer bedeckt gehalten hatte, obwohl sie sein Leuchtfeuer war, sie, die Meisterin, die viergeteilte Nagual-Frau, unter Traenen, in Ontario. Und die Spitzzuengler, die bis zum letzten Tag nicht fehlen werden, sprachen natuerlich sogleich von Selbstmord, erst recht angeheftet an Patty Partin alias Nurey Alexander, seiner Tochter aus der Welt der Anorganischen Wesen. Aber in der Welt der Zauberei (vielleicht ein heiligeres, weil dem Menschen zugaenglicheres Wort als das Tetragrammaton "JHWH") ist alles moeglich, - die Lottospieler beweisen es Woche fuer Woche, weltweit. Die Zauberei steckt in unseren Kinderknochen, in unserem kindlichen Verstaendnis. Wir tragen das Kind in uns, und der Nazaraener sagte es zwei Mal ganz deutlich: "Werdet wie die Kinder! Lasset die Kinder zu mir kommen, denn ihrer ist das Himmelreich!"
Der Angelianer war ein Troll der Sonderklasse, ein gemaessigter Spassvogel, der dem Dalai Lama das Wasser haette reichen koennen, waeren sie wirklich zusammengetroffen und haette der gute Mann nicht ein dermassen unstillbares Vergnuegen empfunden, auf der sexuellen Neid-Schiene alle zur Weissglut zu treiben.
Die Hopis und Tibet bilden eine Bruecke, an der das Heil der Welt haengt. Von den Hopis gibt es eine direkte Verbindung zu den Yaqui, und parallel dazu von den Navajos zu den Huicholes. Und Castaneda war zuerst eingepflanzt in Arizona. Er wuchs dort auf, unter dem Schutzmantel Meskalitos, des heiligen Peyote.
Man kann nicht, selbst wenn es wissenschaftlich und literaturkritisch verbraemt ist, ins Gossenhafte abrutschen und feststellen, der Mann saugte sich alles aus den Fingern. Die, die so reden, stellen ihm damit das groesste Zeugnis aus. Aus welcher Feder kann ein solch magischer Text, mehrfach und komplex verwoben, entrinnen? Wer Castaneda einen Betrueger zeihen will, sollte eine hermeneutische Analyse seines Werkes vorlegen, und er wird in seiner Vorwurfsarbeit innehalten, denn er wird merken, das Geschriebene spricht ihn an. Wenn er nicht gar inmitten des Anhebungsversuches stirbt. Immer ist es einfach, einen Menschen wegen Ungereimtheiten in dessen Verhalten charakterlich mittels eines Rasierschnittes zu verunglimpfen.
Castaneda schrieb mit dem letzten Atemzug "Tensegrity", und als er selbst spuerte, dass etwas in seinem Koerper ihm zurief "Es wird bald Zeit", "Das Wirken der Unendlichkeit". Die Leute machen bis heute elegante Boegen um diese Werke der Selbstentbloessung.
Die Selbstentbloessung kann sich nur einer leisten, der weiss, bald gehe ich fort. So wie Christus, um dessen Leibrock sie wuerfelten, als er ueber ihnen schon am Kreuz hing, nur mehr mit dem Lendentuch bekleidet.

Aber Castaneda ist mehr als nur der unbekannte grosse Bruder, den wir im Herzen als Vorbild mit uns tragen. Es ist seine Welt, in die nur ganz wenige eindringen durften. Wir nur literarisch. Die grossen Zauberer Mexikos. Sie sind es eigentlich, um deren Erbe es unablaessig geht und weiterhin gehen wird! Und keiner kann ihnen mehr habhaft werden. Was fuer ein Pech! Ja, was fuer ein Pech! Doch welcher Ansporn dem Lernenden! Deshalb stellen die Ideologen (und wir leben in einer Welt der Ideologie, mehr als jemals zuvor) sie kurzerhand als Produkte der Erfindung hin. Aber im Hintergrund laufen Nachforschungen; inquisitorische. Der CIA schickt Spezialisten in die Seminare, so wie die Russen, die schon immer fuer jeden Spuk zu haben waren. Und die Cleargreener, die alles dem Geist weihen, treten, das Gedraenge antizipierend, offen auf, hopp oder dropp, und gehen direkt nach Moskau, so wie demnaechst wieder. Das hat Charakter, meine Herren! Und in Langley wissen sie, oh Mann, wir haben die Crème de la crème dabei, Vorsicht, Herrschaften, Rechtsanwaelte aus New York und Washington D.C., und Schauspieler, oh, oh, Vorsicht! Besser mit Hintergrundarbeit arbeiten! Artikel lancieren!

Was fuer ein Segen, der Buchdruck! Selbst die Nazis kamen mit ihm nicht zu Rand. Wie laecherlich muten die Feuerhaufen von damals heute an. Was war das doch fuer ein franzoesischer Geniestreich, dieses "Fahrenheit 471" mit Oskar Werner. Buecher in diktatorischer Zukunft in Waeldern auswendig lernen. Menschen als wandelnde Buecher. Francois Truffaut, ein getarnter Ausserirdischer ("Close encounter of the third kind"), der ebenso ueberraschend starb - keiner konnte es glauben -, er wusste es schon in den 60ern. Wir gehen schwierigen Zeiten entgegen. Nichts wird mehr diskreditiert werden als das Wissen, die Wahrheit. Die Wahrheit.

Es gibt die Wahrheit. Die Wahrheit des Schamanen ist formuliert. Eines Nachts stehst Du auf, in deiner Wohnung, vom Bett, und gehst in das Badezimmr hinueber. Du machst kein Licht und siehst schweigend in den Spiegel. Etwas blickt Dir entgegen. Ein sterbliches Wesen. Deine Zeit verrinnt, auf ewig.

"Wir werden alle in Los Angeles sterben". "Und dann, Sir, besteigen wir die grosse Faehre, den Grossen Wagen, nicht wahr, Sir? Und man erwartet uns, nicht wahr, Sir? Die Engel! Gracias por todo, Caballero!"


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