WAS IST AYAHUASCA

Ayahuasca, in Kolumbien als Yagué und in Brasilien als Daimé bekannt, ist ein archaisches, religiöses Ritual, bei dem wir mit Gott in Verbindung treten. Dieses Ritual ist etwa 22.000 Jahre alt und existierte in Urzeiten auch in Afrika, notabene in Ägypten. Das In-Verbindung-Treten mit Gott ist eine ernste Angelegenheit, die eine ebenso gewissenhafte Vorbereitung erfordert. Das Erleben der Anwesenheit Gottes wirkt zermürbend, auf den Boden schleudernd und erzwingt eine unabwendbare moralische Läuterung, deren Kennzeichen Defäkation, Erbrechen und oftmals Schluchzen, Weinen und Schreien, ein Aufschreien, sind. Nur durch diese moralische Läuterung im Zustand eines nicht alltäglichen Bewußtseins halten wir die Nähe Gottes, diese überwältigende, beinahe nicht zu beschreibende Erfahrung, aus.

Ayahuasca ist ein akribisch unter Entbehrungen zubereiteter Trunk aus der Kultur Amazoniens, bestehend aus 2 Tage lang ausgekochter Liane Banisteriopsis Caapi und den Blättern des Chakruna-Strauches, Psychotria viridis, welche ein psychoaktives Agens, Dimethyltriptamin (DMT), enthalten. Dimethyltriptamin wird im Menschen von der Zirbeldrüse im Gehirn in gewissen Situationen (so bei Geburt und Tod sowie schweren traumatischen Verletzungen) in Sekundenbruchteilen gebildet und ausgeschüttet. Wir alle standen also bereit zumindest einmal unter der bewußtseinsverändernden Wirkung dieser Substanz, die man nicht als Droge bezeichnen sollte, da sie weder körperlich schädigt noch abhängig macht. Der Brau wird bei vielen Meistern und Meisterinnen, sofern sie autorisiert und keine kriminellen Scharlatane sind, mit anderen, üblicherweise geheim gehaltenen, Kräutern angereichert, und erhält damit spezifische Potenz und Verfeinerung. Der Trunk, von dem man üblicherweise bis zu 50 ml zu sich nimmt, schmeckt gewöhnungsbedürftig und in jedem Fall ungewöhnlich. Das Ritual selbst findet bei völliger Dunkelheit statt und dauert üblicherweise zwischen zwei und vier Stunden. Der erhöhte Bewußtseinszustand, den dieses Ritual induziert, kann als heilig und somit heilend bezeichnet werden. Die peruanischen Shipibo-Conibo, die von präsidentiellem Dekret wegen unter Alejandro Toledo als die „Hüter der Medizin“ tituliert wurden, trinken die Medizin im Stammeskreis, also auch im Beisein von Kindern, zum Zwecke der Stärkung der sozialen Bande, zur Orientierung und, sofern ehrlich erwogen, für einen moralischen Neubeginn. Ayahuasca gilt in Peru als „nationales Kulturgut“. Weltweit trinken pro Nacht etwa 10 bis 15.000 Menschen (eine Grobschätzung) die Medizin. Es gibt gewissermaßen keine Bevölkerungsschicht, die nicht schon einmal Bekanntschaft mit den hilfreichen Wirkungen dieser Medizin geschlossen hätte. Dazu zählen neben einschlägigen Fachleuten wie Psychiater und Psychotherapeuten auch Priester, Gesandte des Vatikans, Militärs und Kriegsveteranen, Drogenbeamte, hochrangige Politiker und Mitglieder des englischen Königshauses. Kriminelle, Prostituierte, Bauern, Vertreter der Finanz, Hausfrauen, Lehrerinnen und Lehrer, Kindergärtnerinnen u.v.a.m. kennen diese Medizin bereits. Es ist an dieser Stelle jedoch wichtig, festzuhalten, daß die Medizin für psychisch seriös kranke, instabile Personen zu komplex und befremdend wirken kann, weshalb nur erfahrene Meisterinnen und Meister mit vertiefter Menschenkenntnis an einen Einsatz für diese geschädigten Personen denken könnten.

Ayahuasca eröffnet uns einen Zugang zu fundamentalen Fragen von existentiellem Interesse, wie etwa: „Wer bin ich? Was bin ich? Wo bin ich? Warum ist das geschehen, worunter ich heute leide? Was soll ich tun? Was ist das Böse? Was sind meine Träume? Was ist das Unbekannte? Was sind meine Ängste? Was ist Dummheit?“ Indem wir dieses Ritual in Gemeinschaft feiern (zwischen 2 und 20 Teilnehmern), erfahren wir den Sinn des Menschseins in Gemeinschaft.

Im geweihten, durchaus beeindruckenden Tempel von Otorongo feiern wir regelmäßig dieses wohltuende Ritual. Dr.Himmelbauer, der diese Medizin seit 26 Jahren zumindest wöchentlich ein Mal trinkt, leitet die Zeremonien diskret, doch mit Leidenschaft und priesterlicher Hingabe. Er wurde im März 2011 von seinem Lehrmeister Agustín Rívas Vásquez nach 11 Jahren Lehrzeit dazu autorisiert. Sein Vortrag besteht im Singen von durchaus gewöhnungsbedürftigen, zum Teil provozierenden, in anspruchsvollen Diäten aus der Geistwelt geschenkt erhaltenen Kraftliedern in Quechua, Castillanisch, Englisch, Französisch, Deutsch und Altgriechisch sowie dem Spielen von mehreren Musikinstrumenten. Dadurch werden die Teilnehmenden in eine tiefe Krise und daraus fließend übergehend in tiefe Trance wie bei wachem Träumen geleitet. Es kommt zu Stadien akuter schamanistischer Geistbesetzung, der Freilegung verborgener Kräfte und energetischen Manifestationen, bei denen nie die Sicherheit persönlicher Identität oder Integrität verloren geht. Man kann Gott und andere Wesenheiten sehen. Auch Tiere nehmen teil. Tote. Der Geist ist fähig zu wandern. Visionen – auch erschreckende oder verstörende, die Tod und Trennung thematisieren – fallen als göttliches Geschenk ohne Vorwarnung auf uns herab. Einsicht greift umfassend Platz. Der Wille zur Heilung gebiert sich in neuer Kraft und Stärke. Die Seele, und mit ihr die Himmelsmächte, Engel, Heilige, Jesus selbst, Mutter Ayahuasca, heilt alles, was verwundet ist. Mutter Ayahuasca ist jener Engel, der in diesem Zauber- und Wundertrank – etwas übersteigert formuliert – wohnt. Auch Mutter Ayahuasca, selbstverständlich eine Frau mit dem Gesicht der Unendlichkeit, kann man sehen, sofern es uns gestattet wird. Mutter Ayahuasca wirkt in jedem Fall lebensverändernd. Zu einem Positiven hin. Davon werden all jene berichten, die beispielsweise von „The Big C“ oder verhängnisvollen Zwangsgedanken geheilt wurden. Von Geistesspaltung. Von Zerrissenheit. Von gefährlichen Gefühlen und Impulsen. Von Paralyse und aufziehender Erstarrung. Von Dummheit, Tics, Perversion und zermürbenden Zwängen. Nach den Zeremonien beginnt ein neues Leben. Ein besseres. Mit besserer Praxis. Im neu gewonnenen Glauben.